Vorstellung der Gäste für das Podium der Krautheimer Gespräche 2026
Wer entscheidet über Wohnen, Teilhabe und Unterstützung? Bei den Krautheimer Gesprächen 2026 des BSK e.V. diskutieren Kandidat*innen aus unterschiedlichen Parteien über konkrete Schritte für ein selbstbestimmtes Leben von Menschen mit Behinderung.
Es geht um Wohnraum, um Unterstützung, um Mitbestimmung – und um die Frage, wie die UN-Behindertenrechtskonvention im Alltag tatsächlich umgesetzt wird. Bei den Krautheimer Gesprächen 2026 des BSK e.V. kommen Vertreter*innen unterschiedlicher Parteien in Krautheim zusammen, um darüber zu sprechen.
Mit dabei:
Dr. Tim Breitkreuz (CDU)
Dr. Tim Breitkreuz ist CDU-Kreisvorsitzender, verheiratet und Vater von zwei Kindern. Im Ministerium der Justiz und für Migration von Baden-Württemberg setzt er sich für eine geordnete Migration und effektive Strafverfolgung ein. Seine wichtigsten Anliegen für die Politik der nächsten fünf Jahre in Baden-Württemberg sind die Sicherung von Arbeitsplätzen, beste Bildungschancen für alle Kinder und Sicherheit für die Bevölkerung. Er setzt sich für einen starken ländlichen Raum ein, in dem alle Menschen leben und teilhaben können. Privat ist er gerne in der Natur unterwegs – egal ob beim Zelten, Wandern oder Kajak-Fahren.
Drei Fragen des BSK e.V. an Dr. Tim Breitkreuz
Was bedeutet für Sie persönlich „selbstbestimmtes Leben“ – und wo sehen Sie politische Versäumnisse?
Selbstbestimmtes Leben heißt für mich, so viel wie möglich selbstständig entscheiden und wählen zu können – etwa die eigene Wohnform. Ob allein, mit Assistenz, in einer WG oder im betreuten Wohnen – und nicht aus Mangel an Alternativen in bestimmte Strukturen gedrängt zu werden. Dringenden Handlungsbedarf haben wir bei komplexen, bürokratischen Verfahren, die Teilhabe erschweren statt erleichtern.
Wie stellen Sie wirksame Beteiligung von Menschen mit Behinderungen sicher?
Für mich als Landtagskandidat der CDU ist klar: Maßstab unseres Handelns ist die UN-Behindertenrechtskonvention – insbesondere das Recht auf Zugänglichkeit und auf ein selbstbestimmtes Leben. Dabei gilt für uns der Grundsatz: „Nichts über uns ohne uns“. Beteiligung muss frühzeitig, verbindlich und auf Augenhöhe stattfinden. Auch die Mitwirkung an politischen Prozessen muss barrierefrei möglich sein – gerade auch was die Stimmenabgabe bei Wahlen angeht.
Welche konkrete Veränderung wäre in der nächsten Legislatur spürbar?
Mehr barrierefreier Wohnraum durch eine weiter gestärkte Wohnraumförderung, praxisnähere und weniger bürokratische Verfahren im Bereich der Eingliederungshilfe sowie gesicherte Unterstützungsleistungen ohne Leistungskürzungen auf Landesebene. Unser Ziel ist eine verlässliche, finanzierbare und personenzentrierte Teilhabe in ganz Baden-Württemberg.
Jonas Aberle (SPD)
Jonas Aberle ist seit 2025 Gemeinderat in Öhringen und Vorsitzender des SPD-Kreisverband Hohenlohe. Beruflich kommt er aus der Industrie: Nach seiner Ausbildung zum Mechatroniker in der Automobilindustrie arbeitet er als Anlagenführer, Instandhalter und in der Produktentwicklung. Die Abläufe in Produktionsbetrieben kennt er ebenso wie die Anforderungen von Schichtarbeit und technischer Verantwortung aus eigener Erfahrung. Sein politisches Engagement ist eng mit dieser beruflichen Praxis verbunden. Als Jugend- und Auszubildendenvertreter sowie gewerkschaftlich Engagierter setzt er sich für gute Ausbildungsbedin-gungen, faire Arbeitsverhältnisse und eine starke industrielle Basis in der Region ein. Als SPD-Kreis-tagskandidat bringt er Perspektiven aus der Arbeitswelt in die kommunalpolitische Verantwortung ein.
Drei Fragen des BSK e.V. an Jonas Aberle
Was bedeutet für Sie „selbstbestimmtes Leben“ – und wo sehen Sie politische Versäumnisse?
Selbstbestimmt leben heißt: frei wählen können, wie und wo man wohnt – mit verlässlicher Unterstüt-zung und ausreichend barrierefreiem Wohnraum. In Baden Württemberg fehlen diese Wahloptionen noch oft. Die SPD will daher, dass Land und Kommunen mehr bezahlbare, barrierefreie Wohnungen schaffen. Insbesondere im öffentlichen und geförderten Wohnungsbau. So entstehen reale Alternati-ven, ohne privaten Neubau pauschal zu verpflichten.
Wie stellen Sie wirksame Beteiligung von Menschen mit Behinderungen sicher?
Beteiligung muss frühzeitig, barrierefrei und verbindlich sein. Konkret will ich Mitentscheidungsrechte in relevanten Gremien, barrierefreie Verfahren (analog und digital) und eine strukturelle Stärkung von Selbstvertretungsorganisationen. Das folgt dem Anspruch der SPD Baden-Württemberg, Politik am Menschen auszurichten und öffentliche Strukturen verlässlich zu machen.
Welche konkrete Veränderung wäre in der nächsten Legislatur spürbar?
Erstens: verbindliche, kontrollierte Vorgaben für barrierefreien Wohnraum im geförderten Bereich. Zweitens: verlässlich finanzierte Unterstützungsleistungen, damit Wahlfreiheit real wird. Drittens: Beim Gebäudetyp E verbinden wir einfacheres Bauen mit gesicherten Barrierefreiheits Mindeststandards, damit Vereinfachung nicht zu Lasten der Zugänglichkeit geht. Entscheidungen in Wohnen, Pflege und Teilhabe orientieren sich konsequent an Art. 9 und 19 der UN BRK.
Michael Schenk (FDP)
Michael Schenk ist verheiratet und stv. Kreisvorsitzender der FDP Hohenlohe. Beruflich war er Konstruktions- und Entwicklungsleiter in einem Maschinenbaubetrieb. Seit 1989 ist Michael Schenk kommunalpolitisch aktiv. Er war 20 Jahre Ortsvorsteher der Ortschaft Heuberg/Buchhorn/Gleichen in Pfedelbach. Schenk ist Mitglied im Pfe-delbacher Gemeinderat, im Kreistag des Hohenlohekreises sowie in der Verbandsversammlung der Region Heilbronn-Franken. Seit einem Herzinfarkt und einer Krebserkrankung ist er zu 50% schwerbehindert.
Drei Fragen des BSK e.V. an Michael Schenk
Was bedeutet für Sie „selbstbestimmtes Leben“ – und wo sehen Sie politische Versäumnisse?Ich plädiere dafür, dass möglichst Barrierefreiheit in allen Bereichen des öffentlichen Lebens herrscht. Ich setzen mich für eine stärkere Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderung ein. Bürokratische Hürden müssen abgebaut werden. Der Nachweis einer dauerhaften Behinderung sollte künftig nur noch einmalig erbracht werden. Durch praxisnahe Förderung und Arbeitsvermittlung sollen die Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt verbessert werden.
Wie stellen Sie wirksame Beteiligung von Menschen mit Behinderungen sicher?
Wir müssen gemeinsam daran arbeiten, dass alle Menschen in allen gesellschaftlichen Bereichen selbstbestimmt und gleichberechtigt miteinander leben und teilhaben können. Teilhabe ist ein Menschenrecht. „Nichts über uns ohne uns“.
Welche konkrete Veränderung wäre in der nächsten Legislatur spürbar?
Die viel zu aufwändige Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes muss pragmatischer ausgerichtet werden, zum Beispiel durch landesweit einheitliche Antragsformulare. Notwendigen Leistungen zur Teilhabe müssen bei den Menschen mit Behinderungen ankommen und nicht im Bürokratie-Dschungel verschwinden. Die regionale Versorgungssituation von Menschen mit besonderen Teilhabebedarfen muss analysiert werden, einschließlich des Kurzzeitwohnens und familienentlastender Angebote.
Mario Dietel (Bündnis 90/Die Grünen)
Mario Dietel ist Stadtrat in Öhringen und Kreisvorsitzender von Engagement begann 2019 im Umfeld der Klimabewegung. Aus dem Einsatz für konsequenten Klima-schutz entwickelte sich der Schritt in die Kommunalpolitik. In Öhringen setzt er sich für Nachhaltigkeit, eine langfristig lebenswerte Stadt, Jugendförderung sowie generationengerechte Finanzpolitik ein. Für den Wahlkreis Hohenlohe kandidiert er 2026 für den Land-tag von Baden-Württemberg. Dabei stehen für ihn eine starke Wirtschaft im ländlichen Raum, verlässliche Infrastruktur, Klimaschutz und faire Aufstiegschancen im Mittelpunkt.
Seit Anfang 2025 arbeitet er im Staatsministerium Baden-Württemberg im Bereich Social Media und digitale Kommunikation. Zuvor begleitete er beim Kommunikationsbüro Ulmer in Stuttgart die digitale Plattform der Nachhaltigkeitsstrategie des Landes. Seine berufliche Erfahrung bestärkt ihn in der Überzeugung, dass Politik verständlich, transparent und nah an den Menschen kommuniziert werden muss, um Vertrauen und demokratischen Zusammenhalt zu stärken.
Drei Fragen des BSK an Mario Dietel
Was bedeutet für Sie „selbstbestimmtes Leben“ – und wo sehen Sie politische Versäumnisse?
Selbstbestimmtes Leben heißt für mich: Die eigenen Entscheidungen treffen zu können – bei Wohnen, Arbeit, Mobilität, Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe. Wir haben den Anspruch, die Lebensverhältnisse aller Menschen im Land zu verbessern und Menschen mit Behinderungen besser in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. Das ist für mich Ausdruck eines befähigenden Staates, der allen Menschen Teilhabe ermöglicht. Versäumnisse sehe ich vor allem in drei Bereichen:
Erstens: Bürokratische Hürden. Selbstbestimmung scheitert oft an Zuständigkeitsfragen, langen Verfahren oder komplizierten Nachweisen. Wir wollen einen einfacheren, digitalen, serviceorientierten Staat schaffen.
Zweitens: Arbeitsmarktintegration. Wir wollen schwerbehinderte Menschen besser in den regulären Arbeitsmarkt integrieren sowie wirksame Nachteilsausgleiche in Ausbildung, Studium und Beruf schaffen.
Drittens: Barrierefreiheit als Selbstverständlichkeit. Barrierefreiheit ist noch nicht flächendeckend umgesetzt. Sie darf kein Zusatz sein, sondern muss Standard werden – im Tourismus, bei öffentlichen Vergaben oder bei digitalen Angeboten der öffentlichen Verwaltung.
Wie stellen Sie wirksame Beteiligung von Menschen mit Behinderungen sicher?
Erstens: Beteiligung strukturell verankern. Bei Gesetzgebung, Infrastrukturplanung oder Digitalisierung müssen Verbände und Betroffenenvertretungen frühzeitig eingebunden werden – nicht erst am Ende eines Verfahrens.
Zweitens: Inklusion wirtschaftspolitisch denken. Wir wollen bei öffentlichen Aufträgen Inklusionsbetriebe stärker berücksichtigen und Unternehmen fördern, die Barrierefreiheit umsetzen und Menschen mit Beeinträchtigungen beschäftigen. Das ist Beteiligung im Sinne auch von ökonomischer Teilhabe.
Drittens: Arbeitsmarkt als Ort echter Teilhabe. Wir wollen zertifizierte Teilleistungen ermöglichen, die Integration in den ersten Arbeitsmarkt stärken und Arbeitgeber aktiv unterstützen. Beteiligung heißt: Zugang zu regulärer Beschäftigung – mit Perspektive, Entwicklungsmöglichkeiten und fairer Bezahlung.
Welche konkrete Veränderung wäre in der nächsten Legislatur spürbar?
Drei Punkte wären unmittelbar spürbar:
Mehr Inklusion bei öffentlichen Aufträgen: Wenn das Land gezielt Inklusionsbetriebe berücksichtigt und Barrierefreiheit bei Vergaben stärkt, entstehen konkrete Arbeitsplätze und Anreize für Unternehmen, inklusiver zu wirtschaften.
Bessere Integration in den regulären Arbeitsmarkt: Durch wirksame Nachteilsausgleiche in Ausbildung und Studium sowie stärkere Unterstützung für Betriebe wird der Übergang in reguläre Beschäftigung realistischer und einfacher.
Digitaler Staat barrierefrei: Unser Ziel ist ein modernes, digitales Verwaltungssystem aus einem Guss. Wenn wir das konsequent barrierefrei umsetzen – mit klaren Zuständigkeiten, digitalen Anträgen – dann wird Selbstbestimmung im Alltag noch besser konkret erlebbar.
Daniel Kraut (DIE LINKE)
Daniel Kraut ist Ersatzkandidat für den Wahlkreis Heidelberg für Die Linke und Mitglied des Landesvorstands von Die Linke Baden-Württemberg. Ehrenamtlich engagiert er sich, selbst betroffen von einer Infantilen Cerebralparese, im Beirat von Menschen mit Behinderungen der Stadt Heidelberg und repräsentiert diesen im Stadtentwicklungs- und Bauausschuss der Stadt Heidelberg. Darüber hinaus übernimmt er die Co-Leitung des traditionsreichen "Arbeitskreis barrierefreies Heidelberg", in dem Maßnahmen zur Verbesserung der Zugänglichkeit und Barrierefreiheit in Heidelberg koordiniert werden. Aufgrund seines intersektionalen Verständnisses von Politik bleibt es nicht bei "Behinderten-Themen", er engagiert sich u.a. auch im Kreisvorstand der VVN-BdA Heidelberg und im Queerfeministischen Kollektiv Heidelberg.Beruflich in der IT unterwegs, sind Computer auch ein Teil seiner Hobbies. Ansonsten interessiert er sich für Street Art, Musikkultur und lernt die Kunstsprache Esperanto.
Drei Fragen des BSK an Daniel Kraut
Was bedeutet für Sie „selbstbestimmtes Leben“ – und wo sehen Sie politische Versäumnisse?
"Selbstbestimmtes Leben" heißt so wegen der Selbst-Bestimmung. Diese kommt aber im Alltag vieler Menschen mit Behinderung zu kurz. Selbstbestimmung heißt nicht nur, mein Abendessen selbst zu bestimmen. Auch als Behinderter muss ich das Recht haben, für meine Träume zu kämpfen, so unrealistisch sie scheinen. Und auch als Behinderter muss ich das Recht haben, die selben Fehler zu machen wie alle anderen auch. Die Politik geht an vielen Stellen noch paternalistisch von einer Bevölkerungsgruppe, die verwaltet und behütet werden muss, aus - das muss sich ändern!
Wie stellen Sie wirksame Beteiligung von Menschen mit Behinderungen sicher?
Wir müssen weg von einem System, in dem Behinderte an vielen Stellen immer noch von Sozialverbänden vertreten werden, in deren Führungsriegen man sie vergeblich sucht. Beiräte sind ein erster guter Schritt, und müssen in jedem Wohnheim, jeder Werkstatt und jeder Stadt rechtlich verbindliche Realität werden. "Nichts über uns ohne uns" konsequent zu Ende gedacht heißt aber, Behinderte müssen überall sein, und nicht nur ihre Vertreter*innen. Denn nur wo wir aktiv in Prozessen und Entscheidungen beteiligt sind, wird sich wirklich etwas ändern. Als Die Linke Baden-Württemberg gehen wir mit gutem Beispiel voran, mit Utz Mörbe ist dieses Jahr ein Politiker mit Lernbehinderung auf dem sicheren Landeslistenplatz 6!
Welche konkrete Veränderung wäre in der nächsten Legislatur spürbar?
Wir fordern als einzige große Partei den Mindestlohn für ALLE in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung Beschäftigten. Das bricht nicht nur mit einem Dogma der bisherigen paternalistischen Behindertenpolitik in Deutschland, sondern nimmt die Beschäftigten endlich als Arbeitnehmer*innen ernst, und respektiert ihre gute und oftmals harte Arbeit. Das klingt unbezahlbar, ist es aber nicht. Und auch der Mindestlohn für reguläre Arbeitnehmer*innen war viele Jahrzehnte umstritten und “unbezahlbar”.






