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Rezension: "Ich will raus – Von der Exklusion zur Inklusion" von Ottmar Miles-Paul (mit Helen Weber)

Was bedeutet ein selbstbestimmtes Leben wirklich? Und wer entscheidet darüber, ob ein Mensch „fähig“ ist, außerhalb von Sonderstrukturen zu leben? Ottmar Miles-Paul stellt diese Fragen nicht beiläufig, sondern ganz bewusst.

von ak

Ein Handy zeigt das Cover von Ich will raus plus Text an der Seite  (2. Absatz Haupttext als Auszug)
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“Ich will raus  – Von der Exklusion zur Inklusion” ist ein Reportage-Roman, in dem Fiktion und aktuelle politische Realität stark verwischen. Im Zentrum steht Helen Weber, eine Rollstuhlnutzerin, die den Schritt aus einer Behinderteneinrichtung geschafft hat und auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt Fuß fasst. Ihre Geschichte ist kein individuelles Erfolgsmärchen, sondern die zentrale Frage in diesem Buch: Wenn es möglich ist, warum wird es dann so oft verhindert?

Begleitet wird Helen von der sogenannten „Enthinderungsgruppe“, einer aktivistischen Gemeinschaft, die Menschen mit Behinderung dabei unterstützt, aus institutioneller Abhängigkeit herauszukommen. Besonders eindrücklich ist das entwickelte Pat*innen-System: unabhängige Unterstützende, die nicht verwalten, sondern ermöglichen.

Parallel entwirft das Buch ein gesellschaftliches Zukunftsszenario bis 2034, das erschreckend realistisch wirkt. Politische Rückschritte, bedrohte Teilhaberechte … es herrscht ein Klima, in dem Inklusion erneut zu einer verhandelbaren Option wird. Der Roman fragt hier ganz deutlich: Wie stabil sind die Rechte behinderter Menschen wirklich? Und wie schnell sind sie wieder entziehbar? Die am Ende eröffnete, hoffnungsvolle Wendung durch eine Gesetzesreform wirkt erst mal wie ein Happy End, aber gleichzeitig realisieren Lesende sofort: Nichts davon ist selbstverständlich.

Besonders prägnant ist der Roman an den Stellen, an denen er innere Konflikte sichtbar werden lässt. Eine weitere zentrale – allerdings nicht behinderte – Figur arbeitet in einer Wohneinrichtung und verteidigt lange Zeit „ihre“ Werkstätten und Heime als bewährte, schützende Strukturen. Seine Argumente sind bekannt: Nicht alle Menschen mit Behinderung könnten selbstständig leben, viele bräuchten Sicherheit, Ordnung, Fürsorge. Doch genau hier legt der Text den Finger in die Wunde. Schützt dieses System wirklich – oder hält es klein? Ermöglicht es Würde – oder verwaltet es sie?

Die Schattenseiten dieser Einrichtungen werden klar benannt: begrenzte Entwicklungsmöglichkeiten, strukturelle Abhängigkeiten, ein Alltag, der selten auf ein Leben außerhalb vorbereitet. Besonders eindrucksvoll ist der innere Zwiespalt der Figur, als er erkennt, dass sein eigener Bruder außerhalb des Wohnheims ein freieres, besseres Leben führen könnte. Der Roman zeigt, wie tief Loyalität, Angst und Gewohnheit miteinander verwoben sind – und wie schwer es ist, diese Denkmodelle zu verlassen. Doch das Buch verurteilt nicht pauschal. Es erkennt an, dass Werkstätten und Wohneinrichtungen für viele Menschen eine wichtige Rolle spielen. Doch es stellt unmissverständlich klar: Sie dürfen nicht die einzige Option für alle sein. 

Am Ende stellt man fest: Dieses Buch ist mehr als ein Roman. Es fragt ganz klar: Wem gehört das Leben behinderter Menschen? Den Institutionen, den Gesetzen, den sogenannten Expert*innen – oder den Betroffenen selbst? Und es lässt die Lesenden mit einer unbequemen Erkenntnis zurück: Inklusion scheitert nicht an Fähigkeiten, sondern an Strukturen.

“Ich will raus  – Von der Exklusion zur Inklusion” ist ein starkes Buch, das gelesen werden sollte!

Allgemeine Buchinformationen:
Autor: Ottmar Miles-Paul
Titel: Ich will raus  – Von der Exklusion zur Inklusion
Seitnzahl: 304 Seiten
ISBN: 3565152397

Weitere Fakten zum Autor

 

ich will raus  – Von der Exklusion zur Inklusion Cover, eine gelbe Spirale auf schwarz