Kultur als Schlüssel zur Inklusion
Am 10.09.24 fand der feierliche Empfang des Behindertenbeauftragten der Bundesregierung, Jürgen Dusel, im Café Moskau, Berlin, statt.
Unter dem Motto „Kultur für alle“ versammelten sich zahlreiche hochrangige Persönlichkeiten aus Politik, Kunst und Gesellschaft, um die Bedeutung von Kultur für die Inklusion von Menschen mit Behinderungen zu unterstreichen. Besonderer Gast des Abends war Bundeskanzler Olaf Scholz, der gemeinsam mit weiteren prominenten Gästen wie dem Gesundheitsminister Karl Lauterbach, der Bundesministerin für Familie Lisa Paus, Verena Bentele, sowie Kerstin Griese und Stephanie Aeffner an der Veranstaltung teilnahm.
Vom BSK mit dabei waren Karl Finke und Hartmut Schulze vom Vorstand sowie Anna Koch aus der Online-Redaktion.
Teilhabe geht über alle Lebensbereiche hinaus
In seiner Eröffnungsrede hob Jürgen Dusel hervor, dass Inklusion alle Lebensbereiche betreffe – von Wohnen über Mobilität bis hin zu einem barrierefreien Gesundheitswesen. Dabei betonte er besonders die Rolle der Kultur als zentrales Element für gesellschaftliche Teilhabe. „Teilhabe bedeutet nicht nur Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen, sondern auch Zugang zu Kunst und Kultur. Nur so kann eine inklusive Gesellschaft funktionieren.“ Er verwies auf die wichtige Rolle der Verbände und Interessensgemeinschaften, die insbesondere das 1994 in der Verfassung verankerte Diskriminierungsverbot aufgrund von Behinderung mit vorangetrieben hatten.
Ein weiteres wichtiges Thema war das aktuell in der Ressortabstimmung befindliche Behindertengleichstellungsgesetz, das gemäß dem Koalitionsvertrag umgesetzt werden soll. Dusel lobte in diesem Zusammenhang sowohl Bundeskanzler Scholz als auch Gesundheitsminister Lauterbach für ihre Unterstützung und ihr Engagement für die Rechte von Menschen mit Behinderungen.
Bundeskanzler Olaf Scholz erinnerte in seiner Ansprache ebenfalls an die Verpflichtung, die Prinzipien des Grundgesetzes zu wahren. Er würdigte die jahrelangen Bemühungen der Verbände für Menschen mit Behinderungen und anderen Akteuren, diesen Meilenstein zu erreichen, und betonte die Notwendigkeit, Barrieren nicht nur physisch, sondern auch sozial abzubauen. Scholz sprach zudem aktuelle Reformvorhaben an, die private Anbieter dazu verpflichten sollen, ihre Dienstleistungen barrierefrei zu gestalten. Er verwies auf den kommenden Global Disability Summit, der zusammen mit Jordanien organisiert wird, um die Situation von Menschen mit Behinderungen weltweit zu verbessern.
„Die Würde des Menschen ist unantastbar – das gilt für alle“, so Scholz, der sich klar gegen populistische Strömungen und Menschenfeindlichkeit positionierte. „Dem Hass und der Diskriminierung treten wir mit aller Schärfe entgegen.“
Kulturelle Teilhabe im Fokus
Ein besonderes Highlight des Abends war die Lesung des Schauspieler-Duos Johanna Kappauf und Thomas Schmauser, die einen besonderen Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Max Frisch präsentierten, sowie ein anschließender Talk über die aktuelle Kulturlandschaft. Unter der Moderation von Kübra Sekin, freischaffende Künstlerin und Moderatorin, diskutierten Johanna Kappauf und die Tänzerin Claire Cunningham darüber, welche Barrieren in der Kulturszene noch immer existieren und wie Inklusion im künstlerischen Bereich nachhaltig verankert werden kann.
Babara Mundel berichtete über die positiven Erfahrungen, die das Kammerspiel-Ensemble mit der Inklusion von Menschen mit Behinderungen gemacht hat. Seit vier Jahren arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung Seite an Seite, und das Theater sieht sich als Vorreiter auf diesem Gebiet. „Die Arbeit in einem inklusiven Ensemble hat unser Haus nachhaltig verändert. Wir haben nicht nur neue Perspektiven gewonnen, sondern auch die künstlerischen Möglichkeiten erweitert“, erklärte sie. Besonders stolz sei man auf die Nominierung für den Therese-Giehse-Preis, eine besondere Auszeichnung für integratives Schauspiel.
Ein bewegendes Beispiel für gelebte Inklusion in der Kunstszene lieferte die Schauspielerin Johanna Kappauf selbst. In einer sehr persönlichen Schilderung berichtete sie über ihren Weg von der Theatergruppe „Die Blindgänger“ in ihrer Werkstatt bis zur Theaterschule und letztlich ins Ensemble der Kammerspiele. „Es war nicht immer leicht, aber ich habe wunderbare Unterstützung erfahren“, so Kappauf. Heute steht sie als fester Bestandteil des Ensembles auf der Bühne und ist stolz darauf, wie sich ihr Weg entwickelt hat.
Die schottische Tänzerin Claire Cunningham, die für ihre multidisziplinären Performances bekannt ist, sprach in der Talkrunde über die Unterschiede zwischen dem inklusiven Kunstverständnis in Deutschland und Großbritannien. Sie hob hervor, dass die Finanzierung und die Gesetzgebung eine entscheidende Rolle dabei spielen, ob künstlerische Projekte inklusiv sein können oder nicht. „Es ist nicht der Mensch, der Geld kostet, sondern das System, das nicht darauf vorbereitet ist“, sagte Cunningham und rief dazu auf, die Machtstrukturen im kulturellen Bereich zu hinterfragen und zu verändern.
Musik als Ausdruck von Vielfalt
Während des offiziellen Programms trat die spanisch-amerikanische Singer-Songwriterin Victoria Canal auf, die mit ihrem bewegenden Song „Black Swan“ die Gäste beeindruckte. Canal, selbst mit einer Behinderung geboren, nutzte die Gelegenheit, um auf die Bedeutung von Musik als universelles Mittel der Inklusion hinzuweisen. Ihr Lied „Shape“, dass sie zum Abschluss präsentierte, handelte von Selbstakzeptanz und der Überwindung von Grenzen.
Jürgen Dusel betonte abschließend die Rolle von Kunst und Kultur als Ausdruck einer lebendigen, diversen und inklusiven Demokratie. „Kultur muss für alle zugänglich sein. Sie ist ein Spiegel unserer Gesellschaft und trägt entscheidend dazu bei, dass Menschen mit Behinderungen in allen Bereichen des Lebens sichtbar und aktiv beteiligt sind.“
Nach dem offiziellen Teil des Abends folgte ein geselliges Beisammensein bei Essen und Getränken. Die inklusive Band „Station 17“ sorgte mit ihrem energiegeladenen Auftritt für einen gelungenen Ausklang der Veranstaltung.
Mit dem Empfang wurde eindrucksvoll gezeigt, wie viel Potenzial in der kulturellen Inklusion steckt – und dass es gemeinsamer Anstrengungen bedarf, um diese auch in Zukunft weiter voranzutreiben. „Bleiben wir gemeinsam dran“, so Dusel abschließend.
Foto: Behindertenbeauftragter/Thomas Rafalzyk
Fotos Bühne: Hartmut Schulze




