Barrierecheck mit BSK und EKWZ in Krautheim

Nach den kontroversen Debatten der Krautheimer Gespräche 2026 blieb es nicht bei politischen Absichtserklärungen. Drei der teilnehmenden Politiker hatten angekündigt, sich selbst im Rollstuhl ein Bild von den alltäglichen Barrieren in Krautheim zu machen.

von Jasmin Paul

Andreas Insam (Bürgermeister von Krautheim) fährt im Rollstuhl eine Rampe hoch
Andreas Insam (Bürgermeister von Krautheim) Foto: Jasmin Paul
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Wenn Alltagshindernisse plötzlich für die Politik greifbar werden

Nach den kontroversen Debatten der Krautheimer Gespräche im Februar dieses Jahres blieb es nicht bei politischen Absichtserklärungen. Drei der teilnehmenden Politiker hatten angekündigt, sich selbst im Rollstuhl ein Bild von den alltäglichen Barrieren in Krautheim zu machen – nicht aus der Distanz des Sitzungssaals, sondern direkt vor Ort. Mit MdB Dr. Tim Breitkreuz (CDU) und Jonas Aberle (Vorsitzender der SPD Hohenlohe) lösten nun zwei der eingeladenen Politiker dieses Versprechen ein. Mario Dietel (Bündnis 90 / Die Grünen) musste seine Teilnahme kurzfristig absagen. 
Begleitet wurden die Politiker nicht nur von Bürgermeister Andreas Insam, sondern auch von Vertreterinnen und Vertretern des Bundesverbands Selbsthilfe Körperbehinderter e.V. (BSK) sowie des Eduard-Knoll-Wohnzentrums (EKWZ). Mit dabei waren unter anderem die BSK-Bundesvorsitzende Verena Gotzes, BSK-Vorstandsmitglied Hartmut Schulze, der Leiter der BSK-Bundesgeschäftsstelle Marco Volk sowie Gaby Trabold-Jäger als Vorsitzende des BSK-Bereichs Hohenlohe-Franken e.V.. Auch EKWZ- Geschäftsführerin Nadine Kress nahm am Rundgang teil. Unterstützt wurde der Barriere-Check zudem von mehreren Rollstuhlnutzenden aus dem EKWZ, die ihre persönlichen Alltagserfahrungen unmittelbar einbringen konnten – darunter Carmen Faber, Vorsitzende der Bewohnervertretung.

Zwischen Fortschritt und Realität

Bereits zu Beginn des Rundgangs öffnete Bürgermeister Andreas Insam persönlich das Krautheimer Rathaus für die Gruppe. Das historische Gebäude ist mittlerweile über eine Rampe sowie eine elektrische Eingangstür barrierefrei erreichbar und zeigt damit, dass auch ältere Gebäude schrittweise angepasst werden können. Gleichzeitig wurde dort aber auch ein typisches Problem vieler Bestands- und denkmalgeschützter Gebäude sichtbar: Zwar verfügt das Rathaus über eine barrierefreie Toilette, diese entspricht jedoch aufgrund ihrer Größe und der schmalen Flure nicht den heutigen DIN-Anforderungen. Für Nutzerinnen und Nutzer größerer Elektrorollstühle ist sie praktisch kaum erreichbar. Ein Beispiel dafür, dass „barrierefrei“ in der Praxis leider oft nicht automatisch nutzbar für alle Zielgruppen bedeutet. 
Beim gemeinsamen Rundgang mit anschließendem Gespräch zu den Brennpunkten der Barrierefreiheit im Stadtgebiet wurden zahlreiche Problemstellen unter die Lupe genommen – und teilweise selbst praktisch getestet. Dabei zeigte sich schnell: Zwischen politischer Diskussion und gelebter Realität liegen oft nur wenige Zentimeter Bordsteinkante, eine zu steile Rampe oder eine Tür, die sich im Rollstuhl kaum öffnen lässt.
Wie schnell daraus reale Gefahr werden kann, zeigte sich während des Rundgangs unmittelbar. Eine Teilnehmerin aus dem EKWZ, stürzte mit ihrem Elektrorollstuhl, nachdem sie einen hohen Bordstein schräg erwischt hatte. Glücklicherweise blieb sie unverletzt. Mehrere Krautheimer unterstützten sofort mit großer Hilfsbereitschaft. Dennoch machte der Vorfall die Problematik greifbar. „Glücklicherweise ist mir nichts passiert und es waren direkt ein paar Menschen zur Stelle, die mir geholfen haben. Wäre aber bei entsprechend abgesenkten Bordsteinen gar nicht nötig gewesen“, erklärte sie später. 
Vom historischen Kopfsteinpflaster über enge Gehwegstellen bis hin zu schwer passierbaren Eingängen, unpassierbaren Treppen und problematischen Rampenneigungen wurde deutlich, mit welchen Hindernissen Menschen mit Behinderungen im Alltag konfrontiert sind. Gleichzeitig gab es aber auch positive Beispiele gelungener Barrierefreiheit, die zeigten, dass funktionierende Lösungen durchaus möglich sind – wenn sie von Beginn an mitgedacht werden.

Versperrte Gehwege, Verkehr und fehlende Rücksichtnahme

Besonders häufig angesprochen wurde die Situation rund um parkende Fahrzeuge und abgestellte Mülltonnen auf Gehwegen. Bewohnerinnen und Bewohner des EKWZ kritisierten vor allem den Bereich zwischen Volksbank und Bäckerei in der Altkrautheimer Straße. Obwohl dort auf beiden Seiten absolutes Halteverbot gilt, würden Fahrzeuge regelmäßig so abgestellt, dass Rollstuhl- und Rollator-Nutzende auf die stark befahrene Straße ausweichen müssten. Auch Mülltonnen versperrten häufig die ohnehin schmalen Wege. Für viele Teilnehmende wurde deutlich: Oft scheitert Barrierefreiheit nicht nur an fehlender Infrastruktur, sondern auch an mangelnder Rücksichtnahme und Sensibilisierung. 
Dr. Tim Breitkreuz und Jonas Aberle zeigten sich während ihres Barriere-Checks im Rollstuhl betroffen davon, wie knapp und schnell Fahrzeuge teilweise an ihnen vorbeifuhren. Bürgermeister Andreas Insam räumte ein, dass freundliche Hinweise im Amtsblatt häufig nicht mehr ausreichen würden. Leider lasse sich bei Falschparkern oder Rasern oft nur noch durch konsequente Kontrollen und Bußgelder etwas verändern. Gleichzeitig verwies er auf die finanziellen Hürden vieler Kommunen: Nur ein stationärer Blitzer würde Krautheim aufgrund gesetzlicher Vorgaben rund 130.000 Euro kosten, da die Stadt ihn mangels ausreichender Verkehrsbelastung vollständig selbst finanzieren müsste. 
Verena Gotzes machte jedoch deutlich, dass bei allen Kostenfragen der Schutz vulnerabler Gruppen Vorrang haben müsse. Denkbar seien etwa zusätzliche Tempo-30-Regelungen, Geländer oder andere bauliche Schutzmaßnahmen. 
Eine besondere Herausforderung bleibt in Krautheim zudem die Topografie. Die zahlreichen Steigungen und Gefälle stellen selbst für Menschen mit Elektrorollstuhl eine erhebliche Belastung dar. Für Nutzerinnen und Nutzer manueller Rollstühle seien viele Wege selbst mit Assistenz kaum zu bewältigen. Gleichzeitig gebe es im Stadtgebiet immer weniger Geschäfte und gastronomische Angebote – und diese seien häufig wiederum nur eingeschränkt barrierefrei erreichbar oder verfügten über keine barrierefreien Toiletten.

Busbahnhof und Mobilität als Dauerproblem

Damit rückte die Verkehrsanbindung in den Mittelpunkt der Diskussion. Vor allem die Buslinien 11 und 19 sorgen seit Jahren für Frust. Nach wie vor können Rollstuhlnutzende oftmals nur einzeln mitgenommen werden – teilweise werden Fahrgäste sogar zurückgelassen, wenn der Fahrer fachlich überfordert oder bereits im Zeitplan verspätet ist. Für viele Betroffene bedeutet das massive Einschränkungen im Alltag. 
„Niemand geht allein einkaufen oder Kaffeetrinken. Wenn aber drei Personen insgesamt drei Stunden pro Weg brauchen, weil der Bus – trotz eigentlich vorhandener zwei Plätze – wenn überhaupt nur eine Person mitnimmt, dann ist der ganze Tag allein mit Transfers ausgefüllt. Das kann es doch wirklich nicht sein“, kritisierte Nadine Kress. 
Zum größten Streitpunkt entwickelte sich deshalb erneut der Krautheimer Busbahnhof. Die bauliche Situation dort gilt seit Jahren als problematisch. Im anschließenden Gespräch mit Bürgermeister Andreas Insam gab es hierzu jedoch auch positive Signale. Der lange laufende Rechtsstreit mit der Deutschen Bahn sei inzwischen durch das abgeschlossene Entwidmungsverfahren geklärt worden. Damit könne nun der notwendige Umbau politisch weiter vorangebracht werden. Ziel sei ein neuer, moderner Busknotenpunkt, über dessen Umsetzung der Gemeinderat nun entscheiden könne. 
Mehrere Beteiligte machten deutlich, dass dies ein entscheidender Schritt für echte Teilhabe im ländlichen Raum wäre. An dieser Stelle bot der BSK e. V. direkt seine Unterstützung durch die Fachbereiche Mobilität und barrierefreies Bauen an, um die Planungen fachlich zu begleiten. Gleichzeitig verwies Gaby Trabold-Jäger darauf, dass sich auch der BSK-Bereich Hohenlohe-Franken e. V. gerne aktiv einbringen würde. Voraussetzung dafür sei jedoch der langfristige Fortbestand des Vereins. Nach dem Tod des langjährigen Vorsitzenden Georg Kleiner würden dringend Vorstandsmitglieder gesucht. Interessierte könnten sich hierzu über die BSK-Geschäftsstelle melden.

Kritik an Kürzungen und Bürokratie

Neben den konkreten Barrieren vor Ort wurden im anschließenden Austausch auch landes- und bundespolitische Themen diskutiert. Marco Volk und Nadine Kress warnten eindringlich vor geplanten Kürzungen bei der Eingliederungshilfe, insbesondere bei Schul- und Reiseassistenz. „Hier muss dringend politisch gegengesteuert werden. Sonst landen wir wieder bei den von der AfD favorisierten Sonderschulen“, warnte Volk. Eltern nähmen Schulassistenz nicht freiwillig in Anspruch, sondern weil sie notwendig sei, um ihren Kindern überhaupt Bildung zu ermöglichen. Auch Nadine Kress kritisierte die geplanten Einschränkungen scharf: „Es kann nicht sein, dass sich ein Mensch mit Einschränkung einige tausend Euro für eine Flugreise – beispielsweise nach Teneriffa – zusammenspart und dann nicht verreisen kann, weil plötzlich kein Anspruch mehr auf die zwingend notwendige Reiseassistenz besteht.“ 
Thematisiert wurde in diesem Zusammenhang auch die aktuelle BSK-Unterschriftenaktion „Hände weg von der Eingliederungshilfe“. Diese kann hier online unterschrieben werden.
Ein weiterer Kritikpunkt betraf die enorme Bürokratie rund um Grundsicherung und Behindertenparkausweise. Mehrfach wurde kritisiert, dass Menschen mit dauerhaften Behinderungen regelmäßig ihre Ansprüche neu nachweisen müssten. Jonas Aberle sprach sich dabei für dauerhafte Bewilligungen in eindeutigen Fällen aus: „Es ist ja nicht so, dass fehlende Gliedmaßen plötzlich nachwachsen würden.“ Nadine Kress kritisierte den unverhältnismäßigen Verwaltungsaufwand bei der Grundsicherung. Wenn Betroffene weder im Lotto gewinnen noch plötzlich ein großes Vermögen erben würden, ändere sich an ihrer finanziellen Situation oftmals über Jahre hinweg nichts. Der regelmäßige bürokratische Aufwand stehe daher in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Notwendigkeit der Leistungen.

Mitbestimmung darf nicht geschwächt werden

Dr. Breitkreuz betonte zudem, wie wichtig Heim- und Bewohnerbeiräte als Instrument der Mitbestimmung seien. Gerade dort, wo Bewohnerinnen und Bewohner oder Angehörige solche Gremien wünschen, müsse ihre Gründung auch ermöglicht werden.Verena Gotzes unterstrich, dass Beteiligung nicht ausgehöhlt werden dürfe, sondern ein zentraler Bestandteil von Selbstbestimmung sei. Hintergrund sind aktuelle Diskussionen um Änderungen der Heimmitwirkungsverordnung und mögliche Einschränkungen von Mitbestimmungsrechten.

Teilhabe muss endlich praktisch werden

Abschließend zogen die Beteiligten ein deutliches Fazit: Der Barrierecheck habe gezeigt, dass viele Probleme nicht theoretisch, sondern unmittelbar erfahrbar sind. 
„Sie hatten vermutlich den meisten Spaß dabei, zu sehen, wie wir Politiker uns im Rollstuhl abmühen“, sagte Dr. Tim Breitkreuz mit einem Augenzwinkern. Gleichzeitig kündigte er an, auch künftig den Austausch mit Betroffenen fortsetzen zu wollen. Dieser Aussage schloss sich Jonas Aberle ausdrücklich an. Ziel müsse es bleiben, Inklusion und Teilhabe nicht nur politisch zu diskutieren, sondern konkret im Alltag umzusetzen. 
Zum Abschluss richtete auch Verena Gotzes noch einmal einen deutlichen Appell an Politik und Gesellschaft: Menschen mit Behinderungen wollten keine Sonderbehandlung, sondern dieselben Möglichkeiten wie alle anderen Menschen – einkaufen gehen, verreisen, Freunde treffen oder selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Der Barrierecheck habe gezeigt, wie weit Deutschland davon in vielen Bereichen teilweise noch entfernt sei. Gleichzeitig habe der offene Austausch aber auch Mut gemacht. Entscheidend sei nun, dass aus den politischen Gesprächen konkrete Verbesserungen entstehen. 

 

Barrierecheck Krautheim

Gruppe von Menschen mit und ohne Behinderung draußen
Gruppe geht bzw rollt einen Berg hoch
Das Scheitern an einer Bordsteinkante
Hartmut Schulze hält im zu engen und zugestellten Rathausklo den Daumen runter
Politiker Andreas Insam (Bürgermeister von Krautheim), MdB Dr. Tim Breitkreuz (CDU) und Jonas Aberle (Vorsitzender der SPD Hohenlohe) testen im Rollstuhl die Barrierefreiheit in Krautheim
Gruppenfoto von allen Beteiligten