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Foto zeigt Brigitte Brühlen bei ihrem Vortrag auf dem Podium
Foto zeigt den Seminarraum mit Publikumg und Blickrichtung Podium.

Gute - häusliche - Pflege!? Was wir dafür brauchen

 

in Zusammenarbeit mit der Kommune, im Rathaus von Magdeburg durchgeführt, Darüber möchten wir kurz berichten.

Geladene Gäste waren Vertreter/innen der Landes- und Kommunalpolitik, des Ministeriums für Arbeit, Soziales und Integration - Sachsen-Anhalt, pflegende Angehörige und von Pflege und Betreuung betroffene Bürger. Jürgen Villard, Stabsstelle Seniorenpolitik beim Sozial- und Wohnungsamt begrüßte zunächst die Anwesenden. Er spracht darüber, dass die pflegenden Angehörigen im Netzwerk „Gute Pflege Magdeburg“ kaum vorhanden sind und dass das Anliegen, mehr pflegende Angehörige in ihrer verantwortlichen Tätigkeit zu erreichen, zu unterstützen und als Fachkräfte in die Pflegestrukturen einzubeziehen, nach wie vor ein Anliegen des städtischen Engagements sei.

Nach seinen Aussagen, würde die amtliche Statistik bereits über 9.000 erfasste Pflegebedürftige im Bereich der Pflegeversicherung für die Stadt ausweisen und pflegende Angehörige seien einem ununterbrochenem Stress ausgesetzt. Meist gingen durch Pflege soziale Netzwerke verloren und die soziale Sicherung der Pflegepersonen sei nur in Ansätzen erkennbar.

Deshalb sehe er hier dringenden Handlungsbedarf. Als Ursachen sieht Herr Villard Lücken in den Hilfeketten oder den bestehenden Angeboten, die nicht bekannt bzw. nicht zu den Bedarfen der Lebensrealität in der häuslichen Pflege passen. Auch die Politik und Öffentlichkeit seien noch immer zu sehr ausgespart oder über die Dimension der Probleme zu wenig informiert.

Als Beispiel nannte er den oft beschriebenen aber nicht lösbaren Mangel an Fachkräften und das zukünftig fehlende familiäre Pflegepotenzial bei steigenden Zahlen Pflegebedürftiger. Dieses offenbart, dass sich pflegende Angehörige und von Pflege Betroffene im politischen und medialen Diskurs mehr Aufmerksamkeit verschaffen müssen, was mit dieser Veranstaltung unterstützt werden sollte. Sonja Rohden, ebenfalls von der Stabsstelle Seniorenpolitik, stellt in diesem Zusammenhang das Hilfesystem in ihrer Präsentation für Magdeburg vor.

Sie verwies darauf, dass es für die Stadt gute Voraussetzungen für die häusliche Pflege gibt. Trotz dieser guten Rahmenbedingungen würde sie jedoch im Beratungskontext immer wieder auf ratlose Menschen treffen die plötzlich in eine Pflegesituation geraten, womit sie völlig überfordert sind. Sie sehen sich oft einem Dschungel von Problemen, Gesetzen und Zuständigkeiten ausgeliefert und seien auf kompetente Beratung zum Teil auch Begleitung in ihrer komplexen Pflege- und Betreuungssituation angewiesen. Bisher durchgeführte Informations- und Beratungsveranstaltungen, auch Mitarbeiter sozialer Dienste und Krankenhäuser würden das ebenfalls bestätigen.

Christa Heinrich, als Vorsitzende des Vereins Verein Leben selbst gestalten e.V. Selbsthilfe Körperbehinderter Magdeburg, machte in ihrem Vortrag am Beispiel der Gründungsphase in Bad Salzuflen deutlich, welche positive Entwicklung ein Selbsthilfenetzwerk nehmen kann, wenn engagierte Privatpersonen, soziale Dienst und die öffentliche Verwaltung zusammenarbeiten. Sie hob insbesondere die Potenziale und die Kreativität engagierter Bürger/innen hervor, die auf engagementfreundliche Strukturen in NRW getroffen seien und so Entlastungsangebote für Familien entwickeln konnten um sie in vorhandene Beratungs- und Dienstleistungsstrukturen einbinden zu können.

In Sachsen-Anhalt gäbe es dringend Nachhol- und mehr Unterstützungsbedarf, auch für die ehrenamtlichen Helfer/innen, so ihre Feststellung. Umfangreich und praxisnah verwiest Frau Heinrich auf sorgende Angebote speziell für pflegende Angehörige, um deren Gesundheit und Wohlbefinden zu erhalten und beschrieb die Vorzüge von Selbsthilfeorganisationen, die sich für die einzelnen Mitglieder eröffneten.

Durch das Fehlen der Umsetzungsrichtlinien für die Förderung der Selbsthilfe nach § 45d SGB XI in Sachsen-Anhalt, wären die Hilfe- und Selbsthilfemöglichkeiten deutlich eingeschränkt, was so nicht weiter hinnehmbar sei. Wiederholt bekräftigt sie die Bereitschaft des Vereins Leben selbst gestalten e.V. Selbsthilfe Körperbehinderter Magdeburg und der Dachorganisation, dem Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter (BSK e.V.) zusammen, mit dem zuständigen Landesministerium darüber nachzudenken, wie Selbsthilfestrukturen sinnvoll in die Hilfesysteme eingebunden werden könnten. Aus ihrer praktischen Arbeit heraus verweis sie auf die hohe Dunkelziffer der tatsächlich von Hilfe Abhängigen.

Beispielhaft seien hier Bedürftige, deren Unterstützungsbedarf unterhalb der Eingangsschwelle für Leistungen der Pflegeversicherung liegen zu benennen. Sie hob beispielhaft die Bundesländer hervor, die rechtzeitig mit der Schaffung von unabhängigen Pflegestützpunkten begannen und den Aufbau von Selbsthilfestrukturen unterstützten.

Es ist nicht verständlich warum Sachsen-Anhalt die soziale Selbsthilfe nicht fördert und hunderttausende Euro an Fördermittel nach § 45 d und f SGB XI ungenutzt lässt, sodass die Geldmittel an andere Bundesländer gehen, welche diese Thematik früh erkannt und kontinuierlich weiter entwickelt haben. Sie beklagt gleichfalls das lückenhafte und unübersichtliche Hilfesystem. Betroffene fühlten sich allein gelassen und sehen ihre Situation oft als Sackgasse. Karrierechancen blieben versagt und das Armutsrisiko stiege.

Als Ursache macht Frau Heinrich aus, dass in Deutschland die Pflege nicht als gesellschaftliches, sondern als privates Problem der Familien betrachtet wird. Das Hauptreferat hielt die Gastreferentin, Brigitte Bührlen als Vorsitzende der Stiftung WIR! pflegender Angehöriger aus München. Sie ging insbesondere auf die historische Entwicklung der Pflege in Deutschland ein, verwies auf Grundlagen der Bismarckschen Sozialgesetzgebung aus dem19. Jahrhundert, ging zu den verschiedenen Epochen über, bis zur heutigen Situation.

Sie machte deutlich, dass die Pflege lange Zeit in der klassischen Rollenteilung zwischen Mann und Frau, weiblich war und heute, trotzt erkennbarer Veränderungen, mehrheitlich immer noch so ist. Familiensorge sei traditionell Frauensache und „ehrenamtlich“. Sie deutet auf den inneren Widerspruch hin, dass wegen des Fachkräftemangels in der Gegenwart zwar die Erwerbstätigkeit der Frauen erwünscht ist, dennoch es kein soziales Sicherungssystem, wie in Skandinavien, im Fall der Pflege eines Angehörigen gibt.

Die Arbeitswelten hätten sich dramatisch verändert, die Rollenverteilungen mit den entsprechenden sozialpolitischen Konsequenzen seien jedoch immer noch die aus der Bismarck-Ära. Es wird herausgestellt, dass zwar die Sorge für die Kinder gesetzlich normiert sei, nicht aber die Pflege der Eltern. Hier würde eine moralische Verpflichtung aufgemacht, ohne eine beidseitige rechtliche Absicherung vorzuhalten. Frau Bührlen machte die Ursachen des Pflegenotstands insbesondere durch die Entstaatlichung und Privatisierung der Pflege aus.

Der freie Markt sei jedoch dafür mit Blick auf die Preisentwicklung von Dienstleistungen, aber auch der Eignung des Personals (kulturelle Disparitäten bei Migrationshintergrund, Motivationseinbußen wegen Niedriglöhne, unzureichender Qualifikation, Leiharbeit etc.) nur bedingt bis nicht geeignet. Diese aktuellen Mängel seinen im System zu beseitigen. Alle Forderungen nach Aufwertung und Verbesserung verbinden sich immer mit Verteuerungen, die nach gegenwärtiger Rechtslage wiederum und vorrangig die Angehörigen selbst tragen müssen. Frau Bührlen benennt weiterhin sehr klar die Missstände in der Pflegelandschaft, die als Quelle ihres Engagements bisher dienten. Aus der eigenen Erfahrung als pflegende Angehörige heraus, möchte sie notwendige Änderungen und Verbesserungen bewirken.

Dabei wäre es unverzichtbar auf Politiker/innen zuzugehen und ihnen entsprechende Aufgaben mitzugeben, so ihre Aufforderung. Denn die Politiker/innen hätten die Aufgabe, Bürger/innen mit ihren Interessen und Problemen zu vertreten. Sie berichtet dazu, über ihre guten Erfahrungen die sie gemacht und sich eine große Akzeptanz erarbeitet hätte. So war es nicht verwunderlich, dass sie selbst der Bundeskanzlerin bei einer Veranstaltung widersprach, als diese die pflegenden Angehörigen als „stille Helden“ bezeichnete. Diese romantisierende Bezeichnung sei aus ihrer Sicht völlig verfehlt, so ihre Argumentation.

Sie forderte deshalb auf, dass pflegende Angehörige und von Pflege Betroffenen selbst aktiv werden sollten um ihre Rechte einzufordern. Dazu sollte mehr Druck entfaltet werden, denn Politik bräuchte dazu einen Auftrag. Frau Bührlen, die ihr Erbe in diese Stiftung eingebracht hat, um pflegenden Angehörigen eine Stimme zu geben, würde sich wünschen, dass Politik und Verwaltung danach fragen würden, was die Menschen brauchen, um danach die Rechtsvorschriften auszurichten. In der Praxis würden jedoch die Zielstellungen und Vorstellungen der Kostenträger und Verwaltungen immer wieder ausschlaggebend sein, wie die gesetzlichen Grundlagen letztlich aussehen.

Mit dem Einwand von Gabriele Wittstock, teilnehmend als Referentin vom Ministerium für Arbeit, Soziales und Integration welche darauf hinwirkt, dass das Land mit der zu überarbeitenden Pflege- Betreuungsverordnung, die Qualität der Angebote sichern will, gibt Frau Bührlen zu bedenken: Qualität würde nicht nur durch formelle Curricula erworben, sondern auch auf Lebenserfahrungen beruhen. Zu dem sein diese Argumentation doppelmoralisch, weil man einerseits den Angehörigen als Laien die Pflege zutraue, aber andererseits dem vertrauten Nachbarn nicht die Fenster putzen lässt.

Frau Wittstock berichtet dann doch von Überlegungen im Ministerium, wieder Einzelpersonen als Anbieter von Angeboten zur Unterstützung zuzulassen. Mit der Veranstaltung am 27. März 2019 war uns wichtig, die öffentliche Wahrnehmung für die Belange pflegender Angehöriger zu sensibilisieren und damit den größten Pflegedienst Deutschlands zu ermutigen und zu stärken, selbst aktiv zu werden, um mehr Entlastungsangebote einzufordern bzw. selbst zu entwickeln.

Diese sollten sich möglichst kleinteilig in der Nachbarschaft angliedern. Dazu brauchen wir dringend mehr Einzelanerkennungen für entlastende Dienste durch Angehörige, Freunde oder Nachbarn, da sie von den beeinträchtigten Menschen eher akzeptiert werden. Außerdem wurde aus den Vorträgen und Wortmeldungen der Veranstaltung deutlich, dass die gesellschaftlichen und auch gesundheitsökonomischen Auswirkungen der Aktivitäten von pflegenden Angehörigen besser gewürdigt und unterstützt werden müssen. In unserer schnelllebigen Zeit, kann durch Krankheit, einem Unfall, Behinderung, oder psychischer Entgleisung, der Alltag einer ganzen Familie plötzlich verändert werden. Wo sind da die Helfer/innen, die hier sofort aktiv werden und vorpflegerische Leistungen für die Familie anbieten können?

Und, sie müssen vor allem für die Mehrzahl der Einwohner bezahlbar sein. Damit das gelingt, hat der GKV Spitzenverband entsprechende Empfehlungen "zur Förderung von Angeboten zur Unterstützung im Alltag, ehrenamtlichen Strukturen und der Selbsthilfe", bereits 2009 den Passus "Selbsthilfe" aufgenommen. Dementsprechend hätte das Land die Verordnung erlassen können um den Aufbau von Selbsthilfestrukturen anzuregen. Bisher fehlt dazu leider immer noch die Umsetzungsrichtlinie für Sachsen-Anhalt.

Das wirkt sich derzeitig in der Praxis so aus, dass der PG1 (Entlastungsbetrag) von 125 € zwar eher gewährt wird, aber die Angebote dazu flächendeckend fehlen. Und damit verfallen diese Mittel gerade für diese Familien, welche sie dringend benötigen. Es wurde deutlich, dass wir künftig eine engere Zusammenarbeit anstreben müssen, um die Praxisbezogenheit nicht aus den Augen zu verlieren.

Christa Heinrich