15.07.2015 13:46 Alter: 5 Jahre

Unabhängige Patientenberatung vor dem Aus

Kategorie: Juli 2015
Von: Peter Reichert

(SoVD/DAG SHG/BSK) Seit 2006 berät die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD) kostenfrei und neutral rund um das Thema Gesundheit und sorgt dafür, dass Patienten ihre Rechte durchsetzen können. Der GKV-Spitzenverband und der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU), beabsichtigen, die Patientenberatung gegen den Protest des wissenschaftlichen Beirats der UPD und zahlreicher Politiker/-innen an die Sanvartis GmbH zu vergeben. Sanvartis ist ein privates Unternehmen und hat bereits als Dienstleister für Krankenkassen gearbeitet.

Die UPD berät im gesetzlichen Auftrag – finanziert durch die gesetzlichen Krankenkassen rund um das Thema Gesundheit – bei rechtlichen und medizinischen Fragen sowie bei psychosozialen Problemen im Umgang mit Krankheiten. Das Angebot ist bislang kostenfrei, neutral und unabhängig. Träger ist ein Konsortium aus Sozialverband VdK, Verband Unabhängiger Patientenberatung und Verbraucherzentrale Bundesverband. Der Vertrag läuft Ende des Jahres 2015 aus und wurde deswegen neu ausgeschrieben.

„Wenn die Patientenberatung tatsächlich wie geplant an Sanvartis vergeben wird, bleibt die hohe Qualität und die unabhängige Unterstützung von Ratsuchenden auf der Strecke“, sagt Adolf Bauer, Landesvorsitzender des Sozialverbandes Deutschland (SoVD) in Niedersachsen. Der SoVD ist Träger der hannoverschen UPD-Beratungsstelle. Dass ein Beratungsangebot, das bislang so gut funktioniert und sich bewährt habe, aufgelöst werde, könne er nicht nachvollziehen.

„In diesem Zusammenhang wäre das Wort unabhängig auch nicht mehr angebracht“, ergänzt Christina Ziethen, geschäftsführende Vorsitzende des Gesundheitszentrums Göttingen. Der Verein trägt die UPD in Göttingen. Es dränge sich vielmehr der Verdacht auf, dass eine anerkannte und mitunter für die Krankenkassen unbequeme Patientenberatung mundtot gemacht werden solle.

Schließlich zeigt der letzte Jahresbericht der UPD, dass viele Ratsuchende Probleme mit ihrer Krankenkasse unter anderem beim Thema Krankengeld haben. Viele von ihnen fühlen sich während einer längeren Krankschreibung von ihrer Kasse unter Druck gesetzt, sich wieder als arbeitsfähig einstufen zu lassen.

Sollte die Finanzierung der UPD tatsächlich Ende 2015 eingestellt werden, verlieren erfahrene Beraterinnen und Berater ihren Job. Neues Personal muss vom neuen Träger aufgebaut werden. „Das geht auf Kosten der Beratungsqualität“, sind sich Ziethen und Bauer sicher.

Dieser Kritik schließen sich auch zahlreiche Patienten- und Selbsthilfevertreter/-innen an, wie auch der Bundesvorsitzende des Bundesverbandes Selbsthilfe Körperbehinderter e.V. (BSK), Gerwin Matysiak. Er bemängelte die fehlende Unabhängigkeit und meint hierzu: „Mich erinnert das ganze Geschäft an die damalige Verbindung zwischen Alt-Kanzler Schröder und der AWD“. Anmerkung der Redaktion: AWD stand für Allgemeiner Wirtschaftsdienst. Die AWD Holding gehörte einer der größten Finanzvertriebe Europas an.

Die Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen (DAG SHG) e.V. appellierte schriftlich an Laumann, das Vertrauen in eine dezentrale Beratung nicht preis zu geben und von der Umwandlung der Unabhängigen Patientenberatung in ein bundesweit agierendes und interessengeleitetes Call-Center Abstand zu nehmen. Auch die Patientenbeauftragten aus Berlin, Bayern und Nordrhein-Westfalen sowie weitere Akteure im Gesundheitswesen hatten scharf protestiert.