13.04.2016 09:22 Alter: 4 Jahre

Die verlorene Selbstständigkeit

Kategorie: April 2016, E-Scooter
Von: Peter Reichert

Gehbehinderte Michaela Wilhelm darf mit ihrem E-Scooter nicht mehr Straßenbahn fahren – Artikel aus der tlz von Thomas Stridde

Michaela und Matthias Wilhelm im „Zufahrt-Raum“ zur barrierefreien Winzerlaer Wohnung. Rechts der E-Scooter, auf dem Michaela Wilhelm nicht mehr in der Straßenbahn mitfahren darf. Foto: Thomas Stridde

„Eine gewisse Ratlosigkeit“ herrsche jetzt beim Stadtratsbeirat für Menschen mit Behinderung in der Frage, wie die eingeschränkte Mitnahme so genannter E-Scooter in Straßenbahnen einzuordnen sei. Das hat gestern Beiratsmitglied Ralf Kleist (Bündnisgrüne) eingeräumt, der zugleich den Vorsitz des Sozialausschusses im Stadtrat und des Seniorenbeirats inne hat.

Der Jenaer Nahverkehr hatte vor Monaten im Dienste der Unfallverhütung die Nicht-Mitnahme von E-Scootern verfügt und dies jüngst modifiziert: Bei mittlerweile drei Trainingsterminen konnten E-Scooter-Nutzer die Zu- und Ausfahrt in Bahnen üben und ihre Mitnahmeberechtigung zertifizieren lassen bei Erfüllung bestimmter ¬Voraussetzungen. – Größe und Gewicht des Scooters passgenau? Schwerbehinderten-Ausweis vorhanden?

Können die Betroffenen vor Bahnfahrt-Beginn vom Scooter absteigen? 18 Betroffene hatten die drei Zertifizierungstermine in der Burgauer Nahverkehrszentrale wahrgenommen, sagte gestern Stadtwerke-Sprecherin Sandra Werner. Zehn jener Scooter-Fahrer hätten die Genehmigung bekommen. Natürlich sei der Nahverkehrsbetrieb offen für weitere Zulassungstermine. Ralf Kleist bekräftigte gestern Zweifel an der aus seiner Sicht arg vorauseilenden Vorsichtsmaßnahme – dies, weil bislang in Jena kein Scooter in der Straßenbahn umgekippt sei.

Eine genaue Zahl von Scooter-Nutzern kenne natürlich niemand. „Ein Teil der Scooter-Fahrer hat resigniert, der andere ist froh, dass er wieder mitfahren kann.“ Nicht mehr mitfahren darf Michaela Wilhelm. Die 50-jährige Kundenbetreuerin im Winzerlaer Sitz des Energieversorgers TEAG ist seit Jahren vom E-Scooter abhängig, um auch außerhalb der Wohnung, wie sie sagt, „alleine Wege fürs selbstständige Leben“ zu erledigen: Sie leidet seit der Kindheit an einer Muskelschwäche, gilt als „90 Prozent schwerbeschädigt“ und „außergewöhnlich gehbehindert“, weshalb ihre Krankenkasse den Scooter als Dauerleihgabe bereitstellt. Wegen des Fortschreitens der Erkrankung benötigt Michaela Wilhelm seit geraumer Zeit auch innerhalb ihrer Winzerlaer Wohnung einen Extra-Rollstuhl.

Beim „Zulassungstermin“ in Burgau sei sie gleich zu Beginn durchs Sieb gefallen, berichtete Michaela Wilhelm: weil sie nicht der Grundforderung zu entsprechen vermag, während der Straßenbahnfahrt vom Scooter abzusitzen. – Nicht nur, dass sie die spezielle Federung ihres Scooters als Dauerhilfe für ihren Rücken benötige! Ein Sitzwechsel innerhalb von Sekunden sei nicht denkbar. „Das Risiko ist viel zu hoch, dass ich auf mein künstliches Knie falle.“

Andererseits ist Michaela Wilhelm mit ihren vielen Jahren Scooter-Erfahrung überzeugt: „Der Scooter ist viel zu schwer, um ansatzweise umzukippen.“ Über das Gegenargument, Scooter seien doch extra für längere eigene Fahrten ausgelegt, schüttelt Michaela Wilhelm verbittert den Kopf: Den 15-km/h-Scooter genehmige die Kasse nicht. Und mit ihrem 6-km/h-Gefährt ins Zentrum zu fahren, wo sie regelmäßig Arzttermine hat, aber auch ihre Mutter besuchen, ins Kino gehen oder Einkäufe erledigen möchte wie jedermann? – Gegen solch lange Touren sprächen oft die Witterung und manch Wege-Barriere. „Vielleicht ist man auch mal krank“, sagt Michaela Wilhelm.

Also bleibt allein die Hilfe ihres Ehemannes Matthias, um in die Stadt gelangen zu können. Nur: Er arbeitet auswärts und ist erst freitags daheim. Eine ¬Wochenend-Ehe. „Ich bin nun immer in Harmonisierung mit seinen Terminen begriffen.“ Und auch allein mit dem Auto – Rollstuhl rein, raus – etwa zur Mutter zu fahren, das sei schlicht unmöglich.

„Die Woche über bin ich jetzt völlig unselbstständig; für mich ist das kein Zustand. Ich empfinde das als Frechheit“", sagt Michaela Wilhelm. Nicht einmal die Idee, in einer Selbsthilfegruppe Interessenvertretung zu pflegen, hilft ihr so recht weiter. „Wie soll ich denn hinkommen?“ Thomas Stridde / 31.03.16 / TLZ