11.02.2021 09:32 Alter: 67 Tage

Rezension: Kein Örtchen. Nirgends.

Kategorie: Februar 2021
Von: ak
Andreas Reigbert auf seinem E-Mobil, fährt gerade eine Rampe hoch in einen Van.

Andreas Reigbert

Ein Mitglied unseres Fachteams Mobilität, Andreas Reigbert, hat sich inteniv mit dem Vorhandensein oder Nichtvorhandensein barrierefreier Toiletten beschäftigt und eine Rezension des Buches "Kein Örtchen. Nirgends." von Claudia Hontschik und Bernd Hontschik verfasst.

Claudia und Bernd Hontschik (2020): Kein Örtchen. Nirgends.

Claudia und Bernd Hontschik ist es gelungen, mit einem ästhetisch sehr ansprechend gestalteten, schön illustrierten und mit zahlreichen Fotos versehenen Buch auf ein Thema aufmerksam zu machen, über das normalerweise kaum jemand spricht, geschweige denn schreibt: den Mangel an (funktionell guten) Toiletten für Rollstuhlfahrer*innen. Dieses Thema ist deswegen so wichtig, weil es landauf, landab generell zu wenige Toiletten für Rollstuhlfahrende und andere Menschen mit Behinderung gibt. Dabei sind gerade für Rollstuhlfahrer*innen gute und saubere Toiletten besonders wichtig. Denn diese Personen, zum Beispiel Menschen mit Multipler Sklerose (MS) oder einer Querschnittslähmung, leiden häufig auch an Funktionsstörungen der Blase und/oder des Darms. Sie benötigen daher öfter eine saubere Toilette als gesunde Menschen.

Wenn es solche Toiletten überhaupt gibt, dann werden sie oft als Abstellkammern zweckentfremdet oder sie sind schlecht gebaut oder mangelhaft ausgestattet, schmutzig und verwahrlost. Oft sind die Eingangstüren der Toiletten sehr schwergängig und von Menschen mit Behinderung nicht aus eigener Kraft zu öffnen und zu schließen. Häufig hängen Seifenspender, Handtuchhalter und Spiegel über dem Waschbecken für im Rollstuhl sitzende Menschen in unerreichbarer Höhe. Papierkörbe und Mülleimer stehen meistens im Weg, Haltegriffe am WC sind entweder gar nicht vorhanden oder nicht weg- bzw. hochklappbar, etc.

Das Buch enthält zahlreiche negative und positive Beispiele, wie solche Toiletten in der Regel aussehen oder (nicht) aussehen sollten. Es gehört daher in jede Berufsschulklasse und jede Handwerksinnung für Klempner*innen bzw. Gas- und Wasserinstallateur*innen sowie in jede Universität und Hochschule, an der Architekt*innen und Bauingenieur*innen ausgebildet werden.

Ich bin selbst seit acht Jahren Rollstuhlfahrer und leide seit 25 Jahren aufgrund „meiner“ Grunderkrankung MS an einer Blaseninkontinenz. Ich weiß also aus eigener Erfahrung, worüber ich schreibe. Solange man noch ein paar Schritte gehen kann, lässt sich manche kleine Hürde noch überwinden. Sobald man aber im Rollstuhl sitzt, sieht die Welt plötzlich völlig anders aus.

Das Buch beschreibt entsprechende Örtlichkeiten in Frankfurt am Main und Umgebung. Aber ich kann bestätigen, dass die Misere in Hamburg, Berlin, Bonn oder Nürnberg die gleiche ist. In meinem jetzigen Wohnort Bargteheide, einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein mit fast 18.000 Einwohner*innen, gibt es zum Beispiel nur ein einziges Restaurant mit einer Toilette für Rollstuhlfahrer*innen. Und die ist für größere (Elektro-) Rollstühle zu klein und entspricht nicht der für solche Toiletten einschlägigen DIN-Norm. Es gibt in Bargteheide gerade einmal zwei öffentliche Toiletten, die dieser Norm entsprechen. Die eine befindet sich im Erdgeschoss des Rathauses und die andere im Stadthaus, wo auch die Öffentliche Bücherei und die städtische Volkshochschule untergebracht sind. Diese beiden Toiletten sind jedoch nur zu den offiziellen Öffnungszeiten zugänglich, also zum Beispiel nicht abends, am Wochenende oder während der Schulferien.

Das Buch ist von Claudia und Bernd Hontschik sehr informativ, kurzweilig und unterhaltsam geschrieben. Wenn die Lage für Rollstuhlfahrer*innen und Menschen mit Behinderung nicht so dramatisch und existenziell wichtig wäre, könnte man an manchen Stellen im Buch schmunzeln oder sogar herzhaft lachen. Aber die Lage ist leider sehr ernst. Die vielen guten Fotos und Illustrationen verdeutlichen den Ernst der Lage sehr anschaulich auch den Menschen, die sich bisher noch keine Gedanken über dieses Thema gemacht haben oder machen mussten. Das Werk ist ein erster wichtiger Schritt um das Thema einer breiteren Öffentlichkeit bewusst zu machen. Es bezieht sich allerdings überwiegend auf den Freizeitbereich, zum Beispiel auf Toiletten im Schauspielhaus, auf dem Friedhof, im Bürgerhaus Bornheim, im Frankfurter Kunstmuseum Städel, in der Kunsthalle „Schirn“, im Kunstverein im Steinernen Haus, in Restaurants und an Autobahnraststätten. Ein Beispiel zeigt auch eine Patiententoilette mit schwellenlosem Duschbereich in einem Krankenhaus, die zu einer Abstellkammer umfunktioniert wurde.

Das Buch beschreibt damit nur die Spitze des Eisbergs. Wesentlich skandalöser finde ich zum Beispiel, dass nur rund ein Drittel aller Arztpraxen in Deutschland barrierefrei sind. „Barrierefrei“ bedeutet dabei lediglich, dass die Praxis insgesamt mit einem Rollstuhl erreichbar ist, dass also zum Beispiel die Türen breit genug sind oder dass ein Fahrstuhl vorhanden ist. Über eine Toilette für Rollstuhlfahrer*innen verfügen die allerwenigsten Arztpraxen. Damit ist die „freie Arztwahl“ für Menschen mit Behinderung deutlich eingeschränkt. Das gleiche gilt leider auch für Krankenhäuser. Im Jahr 2019 war ich stationär zu einer Magen- und Darmspiegelung in einem bekannten Hamburger Krankenhaus. Die vor solchen Untersuchungen notwendige, mehrstündige Abführprozedur sollte ich anfangs im Beisein meines Bettnachbarn im Krankenzimmer auf einem alten, wackeligen Toilettenstuhl absolvieren. Denn das Krankenhaus verfügt nur im Eingangsbereich im Erdgeschoss des Hauses über ein einziges der DIN-Norm entsprechendes WC für Rollstuhlfahrer*innen!

Genauso skandalös ist die Situation im Wohnungsbau in Deutschland. Jedes Bundesland hat seine eigene Landesbauordnung (LBO). Darin ist zwar festgeschrieben, dass ein bestimmter Anteil der neu gebauten Wohnungen „barrierefrei“ zu sein habe. Aber auch hier bedeutet „barrierefrei“ noch lange nicht, dass die Wohnungen auch für Rollstuhlfahrer*innen geeignet sind. Wohl dem, der ein eigenes Haus und genügend Geld besitzt. Dann ist der Einbau eines Badezimmers für Rollstuhlfahrer*innen möglich. Die große Mehrheit der Menschen mit Behinderung (fast 8 Millionen Menschen in Deutschland, darunter ca. 1,6 Millionen Rollstuhlfahrer*innen) lebt jedoch von Grundsicherung, „Hartz IV“ oder kleinen (Erwerbsminderungs-) Renten und kann sich solch einen Umbau oder gar ein eigenes Haus niemals leisten. Ich bin zusammen mit meiner Lebensgefährtin schon seit mehreren Jahren vergeblich auf der Suche nach einer größeren, „barrierefreien“ Wohnung – es gibt keine. Eine solche Wohnung zu suchen und zu finden, ist in Deutschland genauso schwierig, wie eine Nadel im Heuhaufen zu finden. Genauso sieht es natürlich erst recht in älteren Häusern und Wohnungen aus. Seitdem ich Rollstuhlfahrer bin, kann ich weder meine Eltern noch Freunde oder Verwandte besuchen. Denn niemand von ihnen verfügt über eine Toilette, die für mich als Rollstuhlfahrer erreichbar wäre.

Das gleiche gilt für die Mehrzahl der Restaurants, Kneipen, Bars, Hotels, Kinos und Theater in Deutschland. Ich habe deswegen vor drei Jahren sogar mein schönes, behindertengerechtes Auto mit Rollstuhlrampe verkauft. Was soll ich mit einem Auto, wenn ich fast nirgendwo hinfahren kann, wo es eine für mich erreichbare Toilette gibt? Ich habe keine Ziele mehr. Die fehlenden Toiletten für Rollstuhlfahrer*innen schränken die Mobilität von Menschen mit Behinderung fast noch mehr ein als die nicht barrierefreien Bahnen, Busse und Bahnhöfe in Deutschland. Das ist damit eine weitere Form der Ausgrenzung und Diskriminierung von Menschen mit Behinderung.

Verbindliche gesetzliche Regelungen, die auch die oben genannten Anbieter privater Dienstleistungen, den Wohnungsbau und die Arztpraxen zur vollständigen Barierefreiheit (einschließlich Toiletten für Rollstuhlfahrer*innen!) verpflichten, sind seit langem überfällig.

Deshalb ist dieses Buch so überaus wichtig.

Claudia Hontschik, Bernd Hontschik: KEIN ÖRTCHEN. NIRGENDS. 112 Seiten mit zahlreichen Fotos und Illustrationen von Christine Fiebig Ladenpreis: 16,00 € ISBN 978-3-86489-303-2 Erschienen am 23. November 2020 im Westend Verlag GmbH, Frankfurt am Main

Jede*r kennt das: Man muss mal, aber es lässt sich kein Klo finden. Höchste Pein! Noch viel schlimmer ist das für Rollstuhlfahrer*innen, die nicht irgendein Klo brauchen, sondern eins, in das sie hineinfahren können, in dem genug Platz ist. Das nennt man barrierefrei. Wir haben uns früher auch nicht für barrierefreie Toiletten interessiert, bevor es uns betroffen hat. Der Normalfall, der häufigste Fall ist: Es gibt kein Klo für Rollstuhlfahrer*innen. Kein Örtchen. Nirgends. Barrierefreiheit ist die Ausnahme! Barrierefreiheit ist gut für alle! Kommen Sie mit uns hinter die Türen mit dem Rollstuhlzeichen!

Claudia und Bernd Hontschik kennen sich seit Studienzeiten und sind seit 1981 verheiratet Sie haben zwei erwachsene Kinder. Claudia Hontschik hat Pädagogik studiert, im Projekt „Kita 3000“ der Stadt Frankfurt gearbeitet, anschließend als Fortbildungsreferentin. Nach einem Supervisionsstudium machte sie sich selbständig und war bis 2019 freiberuflich tätig. Bernd Hontschik hat Medizin studiert und wurde Chirurg im Krankenhaus Frankfurt-Höchst, danach arbeitete er bis 2015 in eigener Praxis. Er ist als Autor und Referent aktiv und schreibt Kolumnen in der Frankfurter Rundschau. 1989 erkrankte Claudia Hontschik an Multipler Sklerose. Darüber hat sie ein Buch geschrieben, das 2018 unter dem Titel „Frau C. hat MS. Wenn die Nerven blank liegen.“ Im Westend Verlag erschien. Erst viele Jahre nach Ausbruch der MS musste sie einen Rollstuhl zu Hilfe nehmen, da ihr das Gehen immer schwerer wurde. Deswegen sind Claudia und Bernd Hontschik sehr viel gemeinsam unterwegs. Daraus ist dieses Buch entstanden.

Rezension von Andreas Reigbert
Foto: Andreas Reigbert