„Jeder soll die Wohnform wählen können, die er möchte“

(bsk-um) Alois Gerig, Mitglied des Bundestags (MdB/CDU) besuchte am 29. August 2012 die Einrichtungen des Bundesverbandes Selbsthilfe Körperbehinderter e.V. (BSK) in Krautheim und informierte sich besonders über das Eduard-Knoll-Wohnzentrum (EKWZ), in dem 80 schwerbehinderte Menschen leben.

In Diskussionen mit BSK-Vertretern kamen aktuelle sozialpolitische Themen zur Sprache. Zu Beginn informierte Norman Weyrosta, Geschäftsführer des EKWZ, den Besucher über die Geschichte der Einrichtung. Er zeigte bei einem Rundgang durchs Haus beispielhaft ein Zimmer, dessen technische Ausstattung dem schwerbehinderten Bewohner Jürgen Heckmann ein hohes Maß an Selbstständigkeit erlaubt.

So lässt sich etwa per Sprachsteuerung das Fenster öffnen und schließen, sowie der Rollladen auf- und ab bewegen. Behinderte Bewohner benachteiligt An den nachfolgenden Gesprächen nahmen neben Norman Weyrosta auch Ulf-D. Schwarz, BSK-Geschäftsstellenleiter in Krautheim und Jürgen Milewski, Bewohnervertreter im EKWZ teil. Bei Jürgen Milewski erkundigte sich Alois Gerig nach den Lebensumständen im EKWZ. Er erfuhr, wie hoch der Pflegeaufwand sein kann und welche Möglichkeiten das EKWZ seinen behinderten Bewohnern bietet. Sie reichen von der umfassenden Pflege bis hin zur vielfältigen Freizeitgestaltung. Andererseits wies Norman Weyrosta darauf hin, dass gerade Bewohner von Behinderteneinrichtungen finanziell benachteiligt seien, da deren Pflegebeitrag gesetzlich gedeckelt sei.

Sie „erhalten den Beitrag von 256 Euro unabhängig von der Pflegestufe, während die Bewohner anderer Einrichtungen in der Pflegestufe 3 bis zu 1.500 Euro vom Leistungsträger erhalten. Alois Gerig: „Dieses Thema sollte aufgriffen werden.“ Betreutes Wohnen Norman Weyrosta wies auch auf die zunehmende Bedeutung des Betreuten Wohnens hin. Deshalb errichtet der BSK zusammen mit der Tochtergesellschaft EKWZ auch einen Neubau, in dem diese Lebensform angeboten werde.

Dabei bestimmen die Bewohner selbstständig über ihren Bedarf und kaufen sich entsprechende Leistungen mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln ein. Diese Wohnform komme aber nicht für alle infrage. In der Diskussion äußerten Weyrosta und Gerig die Meinung, dass jeder behinderte Mensch „die Wohnform wählen können soll, die er möchte“. Diese Auffassung vertrage sich aber nicht mit der Ansicht von Anhängern des Mottos „Daheim statt Heim“, die alle Heime abschaffen möchten. Norman Weyrosta hält ihnen entgegen: „Besser im Heim, als allein daheim.“

Probleme im ÖPNV

Beim Thema Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) wies Jürgen Milewski darauf hin, dass es „im Busverkehr immer wieder zu Problemen kommt“, etwa wenn die Verkehrsbetriebe Hochflurbusse einsetzten, in die Rollstuhlfahrer nicht hineinkämen. „Es fehlt eine gesetzliche Regelung“, erklärte Norman Weyrosta. „Hier müsste eigentlich der Landkreis motiviert sein, entsprechende Regelungen zu treffen“, erwiderte Alois Gerig. Handlungsbedarf besteht nach Ansicht des BSK auch beim Thema Fernbusrichtlinien. So können aktuell Rollstuhlfahrer praktisch keine regulären Fernbusse nutzen, da sie gar nicht in den Innenraum gelangen können und dort keine Plätze für sie vorgesehen sind. Es fehle eine gesetzliche Regelung, erklärte Ulf-D. Schwarz und fügte hinzu. „Hier sehen wir die Bundesregierung in der Pflicht und hoffen, dass dieses Problem aufgegriffen wird“. Alois Gering versprach, das Problem im Bundesverkehrsministerium sowie im Verkehrsausschuss anzusprechen.

Problem Arbeitsmarkt

Zur Sprache kam auch das Thema Arbeit, genauer der Heimkostenbeitrag, den Beschäftigte in den Werkstätten für behinderte Menschen für ihre Heimunterbringung aufbringen müssen. Nach Ansicht des BSK wird hier trotz eines Vollzeitjobs nicht einmal Hartz IV-Niveau erreicht, was wiederum die Motivation mindere. „Wünschenswert wären ein erhöhter Beitrag und dass die behinderten Arbeitnehmer auf dem ersten Arbeitsmarkt untergebracht werden“, sagte Norman Weyrosta. Dabei könnten Integrationsunternehmen als eine Art Brücke dienen. Diesen Weg will auch der BSK gehen und wartet im Moment auf die Förderzusage für ein solches Unternehmen, in dem bis zu 5 behinderte Menschen einen Arbeitsplatz auf dem 1. Arbeitsmarkt erhalten sollen. Denn: „Wir fordern nicht nur, wir tun auch etwas“, wie Ulf-D. Schwarz hinzufügte.

Alois Gerig verwies in diesem Zusammenhang auf die gesetzliche Regelung der Ausgleichsabgabe. Doch deren Wirkung verpufft laut Norman Weyrosta: „Viele Betriebe kaufen sich frei!" Andererseits lassen viele Firmen in den WfB`s produzieren, um Geld zu sparen. Hinzu kommen laut Ulf-D. Schwarz „bürokratische Hürden, die Firmen davon abhalten, behinderte Menschen einzustellen.“ Auch seine Erfahrungen hätten gezeigt, „dass wir die Inklusion vorantreiben müssen“, sagte Alois Gerig. Dies habe er z. B. in Schulklassen erfahren, die er besucht habe. Fehlende Beauftragte und Bewerber für den Bundesfreiwilligendienst Gerig zeigte sich auch erstaunt, dass nach dem Wegfall des Zivildienstes sich zu wenige junge Menschen für den Bundesfreiwilligendienst (BFD) bewerben, werde doch da momentan in der Medienberichtserstattung ein anderes Bild gezeigt.

Hier sieht er Handlungsbedarf, da auch Norman Weyrosta deutlich machte, dass die zusätzlichen Leistungen für Bewohner sonst nicht mehr aufrecht erhalten werden könnten. Ulf-D. Schwarz sprach ein weiteres Problem an: In vielen Landkreisen fehlten Behindertenbeauftragte und es sei „unklar, wo welche im Amt sind und wo nicht“. Dass es auch anders gehe, zeige sich z. B. im Landkreis Tübingen, dem Wirkungsbereich des BSK-Landesvorsitzenden Willi Rudolf. Alois Gerig versprach, dieses Problem umgehend mit dem Landrat seines Wahlkreises Neckar-Odenwald zu erörtern. Alois Gerig sagte, er werde die Themen gerne aufnehmen und versuchen, „sie in Berlin einzuspeisen“. Beide Seiten vereinbarten, im Gespräch zu bleiben.