Gedenken an NS-Opfer

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Gedenken an NS-Opfer

BSK vor Ort

Gedenken an NS-Opfer in der Tiergartenstraße 4

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(bsk-ce) Die Adresse Tiergartenstraße 4 in Berlin ist bis heute als Ausgangspunkt systematischer Massenmorde des NS-Regimes bekannt. Dort plante in den Jahren 1940 und 1941 die Zentrale für die Leitung der Ermordung behinderter Menschen die „Aktion T4“, sprich den Transport und die Tötung von mehr als 70.000 Menschen, die eine Behinderung hatten oder unter psychiatrischen Erkrankungen litten. Die Nationalsozialisten rechtfertigten die „Aktion T4“ mit ökonomischen Erwägungen und den Geboten ihrer „Rassenhygiene“ unter dem wohlklingenden Namen Euthanasie, der vom Altgriechischen stammt und so viel heißt wie „schöner Tod“ – menschenverachtender Zynismus in Reinform.

Um an diese Opfer des NS-Regimes zu erinnern, richtete Hubert Hüppe, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, am 27. Januar 2012 eine Gedenkveranstaltung im Foyer der Berliner Philharmonie in der Tiergartenstraße 4 aus. Vor rund 200 Gästen verdeutlichte Hüppe, mit welcher Kaltblütigkeit sich die NS-Funktionäre und ermächtigten Ärzte an ihre Opfer vergingen: "Sie wurden systematisch erfasst, zu Forschungszwecken missbraucht und zwangssterilisiert. In den Gaskammern der Nazis wurde an ihnen ausprobiert, was später millionenfach wiederholt wurde.“

Sigrid Falkenstein vertrat die Angehörigen der Opfer und erzählte von ihrer Tante, die eine geistige Behinderung hatte und im Zuge der „Aktion T4“ ermordet wurde. Selbst im engsten Kreis wurde das Thema Euthanasie verschwiegen; die Tötung ihrer Tante blieb die längste Zeit ein Familiengeheimnis. Maik Nothnagel, sozialpolitischer Referent des Bundesverbands Selbsthilfe Körperbehinderter in Berlin, nahm auch an der Veranstaltung teil und zeigte sich sehr beeindruckt von der persönlichen Schilderung Falkensteins. Vor allem aber gebe sie Anlass dazu, die Aufarbeitung in der Nachkriegszeit und in der Gegenwart kritisch zu betrachten: „Auch nach dem Ende des Dritten Reichs blieben die Sterberaten von Menschen mit Behinderung auf gleichem Niveau oder stiegen sogar, was auf Vernachlässigung und mangelhafte Behandlung zurückzuführen ist. Demnach unterschieden noch viele zwischen lebenswertem und lebensunwertem Leben.“

Nothnagel sieht den heutigen Stand der Aufarbeitung mit gemischten Gefühlen: „Obwohl sich die Versorgungslage von Menschen mit Behinderung bis heute stetig verbessert hat, gibt es nach wie vor Menschen in Ost und West, die – ohne im rechten Lager aktiv zu sein – noch immer verdrängen, schweigen oder gar die Tötung von Menschen mit Behinderung gutheißen. Aufgrund dessen bleibt das Thema Euthanasie hochaktuell.“

Beispielsweise blieben in der Nachkriegszeit sowohl in der DDR als auch in der BRD zahlreiche Ärzte beschäftigt, die der Täter- und Mittäterschaft schuldig waren. Einige wurden auch noch in jüngster Zeit honoriert, so auch Jussuf Ibrahim, ehemaliger Leiter der Universitätskinderklinik in Jena. Bis 2000 war er noch unter anderem aufgrund seiner Verdienste zur Senkung der Kindersterblichkeit Ehrenbürger der Stadt Jena; nach ihm war die Universitätskinderklinik, zwei Kindergärten und eine Straße benannt. Dass diese Würdigung fehl am Platz ist angesichts der Tatsache, dass er junge schwerstbehinderte Patienten seit 1943 auch wissentlich zur Euthanasie freigab, schien aber einigen Mitbürgern nicht einzuleuchten. Nothnagel, der sich 10 Jahre lang als Abgeordneter für die Aufarbeitung der NS-Verbrechen in Thüringen einsetzte, musste gegen Widerstand auch von jüngeren Bürgenr ankämpfen, um die Errichtung einer Gedenkstätte an der Klinik durchzusetzen.

Umso erfreulicher ist es, dass der Bundestag sich zu seiner Aufklärungspflicht bekennt und eine Erweiterung der bestehenden Gedenkstätte in der Tiergartenstraße 4 beschlossen hat. Es werden Mittel in Höhe von 500.000 Euro bereitgestellt, um unter anderem eine Informationsstätte zu errichten. Hüppe ist ebenfalls zufrieden: „Es ist ein ermutigendes Signal, dass die in den vergangenen Jahren auf der Gedenkveranstaltung vorgebrachten Forderungen nach Entschädigung der Opfer und Umgestaltung des bestehenden Gedenkortes nunmehr aufgegriffen wurden.“ Insbesondere schätzt er den pädagogischen Wert der neuen Gedenkstätte: „Hier am Ort der Täter in der Tiergartenstraße 4 in Berlin muss ein starkes Zeichen gegen das Vergessen hunderttausendfachen Mordes an behinderten und psychisch erkrankten Menschen gesetzt werden. Die geplante Gedenk- und Informationsstätte muss vor allem junge Menschen über die Nazi-Gräueltaten aufklären, damit eine menschenverachtende Ideologie, die Menschen nach lebenswert und lebensunwert selektiert, in Deutschland nie wieder Raum greift.“