
(lvd/bsk-um) „Ich sehe meine Krankheit als Herausforderung, nicht als Behinderung. Dieses Wort mag ich nicht.“ Mit diesen Sätzen setzte die 13-jährige Franziska Heiß, die an einer sehr seltenen und unheilbaren genetischen Erkrankung leidet, einen entschiedenen Schlusspunkt unter ihr Selbstportrait. Auch Pascal Felix ist im Großen und Ganzen zufrieden mit seinem Schicksal. Der 16-Jährige lebt seit seiner Geburt mit Lähmungen an Händen und Beinen und ist der Meinung, dass Menschen, die früher mal gehen konnten und dies nach einem Unfall nicht mehr können, viel schlimmer dran sind als er.
Franziska Heiß lebt mit ihrer Familie in der österreichischen Stadt Linz, Pascal Felix in Börstingen im Kreis Tübingen. Sie kannten sich bisher nicht. Was sie verbindet, ist die Teilnahme an einem Schreibprojekt, das LEBEN&WEG in der Ausgabe 06/2010 schon kurz vorgestellt hat. Darin schrieben sechs Autorinnen und Autoren zwischen 13 und 87 Jahren über sich selbst und das Leben mit körperlichen Beeinträchtigungen. Begleitet wurden die Teilnehmer von der Journalistin und Buchautorin Liane von Droste. Texte, Bilder und redaktionelle Rückmeldungen der Schreibwerkstattleiterin wurden meist per Internet und E-Mail ausgetauscht. Selbst die älteste Autorin, die heute 87-jährige Berta Schweikert aus Bodelshausen bei Tübingen, nutzte den Computer: Am Bildschirm vergrößerte sie die Schrift so weit, dass sie trotz nachlassender Sehkraft ihr Manuskript verfassen und dann per Post an Liane von Droste schicken konnte.
Jetzt ist die über mehrere Monate angelegte Schreibwerkstatt abgeschlossen und die Ergebnisse können sich sehen und lesen lassen: LEBEN&WEG ist Medienpartner des Projektes und stellt ab sofort die Projektzeitung mit allen Texten und Bildern der Autoren und Autorinnen auf der Homepage des Bundesverbandes Selbsthilfe Körperbehinderter e.V. unter www.bsk-ev.org zum Herunterladen bereit.
Entstanden ist auf 45 Seiten eine lesenswerte Mischung aus Kurzportraits, Tagebuch-Auszügen, Reportagen über Tücken und Freiheiten des Bahn- und Busfahrens mit Rollstuhl bis zu anrührenden Texten über die Würde des Menschen oder eine Kindheit mit Körperbehinderung im „Dritten Reich“. Zum Problem werden die körperlichen oder auch psychischen Beeinträchtigungen für die Verfasser der Zeitungsartikel in der Regel erst dann, wenn ihnen Menschen in ihrer Umwelt Barrieren setzen oder notwendige Unterstützung versagen. „Schön wäre ein wenig Hilfsbereitschaft in der Klasse“, fasst Pascal Felix seine manchmal frustrierenden Erfahrungen im Schulalltag zusammen. Über seine Erlebnisse und die des 20-jährigen Gymnasiasten Simon Schmidt – beide besuchen trotz Körperbehinderung eine so genannte Regelschule – berichten wir in einem Artikel zum Titelthema Inklusion auf Seite XX dieser Ausgabe.
Unfassbar aber wahr: Auch die Odyssee, die der 36-jährige Erdinc Koc seit April 2010 mit verzögerter Reparatur, Ersatzlieferung und Ämter- und Kassen-Willkür hinsichtlich seines Elektro-Rollstuhls erlebte (wir berichteten im Dezember 2010), war bei Redaktionsschluss zu dieser Ausgabe noch nicht zu Ende. Obwohl er monatelang in seiner Mietwohnung eingesperrt war, weil ihm ein fahrbarer Untersatz fehlte, obwohl er enorme psychische und physische Belastungen aushalten musste und obwohl er mehrmals aus einem ungeeigneten und nicht angepassten „Ersatz-Rollstuhl“ gestürzt war, versagte ihm seine Krankenkasse einen Zweitrollstuhl. Und die zuständige Rentenversicherung verweigerte den von seinen Ärzten beantragten Rehabilitationsaufenthalt.
Erdinc Kocs „Rollstuhl-Tagebuch“ in der Projektzeitung wirft ein klares Licht auf die Kluft zwischen der Realität, in der Betroffene leben, und den Zielen der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen. Diese ist seit März 2009 in Deutschland gesetzlich verbindlich und wurde Anfang Januar 2011 auch von der Kommission der Europäischen Union ratifiziert, das heißt als Gesetz verabschiedet.
Das Deutsche Institut für Menschenrechte in Berlin hat als so genannte Monitoring-Stelle die Aufgabe, herauszufinden, wie die Behindertenrechtskonvention in Deutschland umgesetzt wird. Mit der Ausschreibung eines Journalistenpreises Anfang 2010 wollte das Institut die Medien mit ins Boot holen. Für ihr Konzept, Menschen mit Behinderung zum Schreiben einzuladen und sie dabei zu begleiten – ganz nach dem Motto vieler Behinderten- und Selbsthilfeverbände „Nichts über uns ohne uns“ – wurde Liane von Droste mit einem der Recherche-Stipendien ausgezeichnet.
Einige Projektteilnehmer fanden sich rasch, andere zögerten, um dann doch noch Mutfassen. Vier der sechs beteiligten Autoren gehörten zu den Interviewpartnerinnen und –partnern für die Portraitsammlung, die von Droste im Sommer 2010 unter dem Titel „Neele ist da geblieben“ bei edition steinlach als Buch veröffentlicht hatte. Sie nutzten begeistert die Möglichkeit, selbst Texte zu verfassen. lvd
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