Hubert Hüppe in Itzehoe

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Hubert Hüppe in Itzehoe

"Es gibt so viel aufzubrechen"

hubert hüppe

(shz-lpe/bsk-pr) So schnell kann es gehen. Auf dem Weg zum Forum „Gleiches Recht für alle“ hatte Hubert Hüppe einen Unfall. Totalschaden auf der Autobahn in Niedersachsen. Hüppe blieb unverletzt – und mit Verspätung schaffte es der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen ins theater itzehoe, um die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen vorzustellen. Seit fast zwei Jahren ist sie deutsches Recht (siehe Info-Kasten). Doch an der Basis sei davon wenig angekommen, sagte Marita Brunswik, Organisatorin des Forums. Dieses stieß auf große Resonanz im ganzen Land, fast 200 Zuhörer kamen, viele von ihnen behindert. Die Veranstaltung war in jeder Beziehung barrierefrei: Zwei Schriftmittlerinnen brachten das gesprochene Wort auf eine Leinwand, eine Gebärdendolmetscherin war im Einsatz, für Rollstühle war viel Platz geschaffen worden. „Jeder Mensch ist ein potenzieller Mensch mit Behinderung“, so Dr. Ulrich Hase, Behindertenbeauftragter des Landes.

Einiges sei erreicht worden, doch flächendeckende Barrierefreiheit sei noch weit entfernt. Bund und Land arbeiten an Aktionsplänen zur UN-Konvention, imLand sind drei Konferenzen geplant. Benötigt würden aber Behindertenbeauftragte in den Kommunen, sagte Hase. Landesweit gebe es erst 34. In Steinburg nicht – „unhaltbar“, kritisierte Carol Breiling von den Grünen im Kreis. Auch sonst gebe es viel zu tun: „Wenn nicht einmal in öffentlichen Gebäuden Barrierefreiheit garantiert wird – wo dann?“ Hüppe unterstrich die Bedeutung der UN-Übereinkunft: Betroffene könnten – Stichwort „Inklusion“ – die volle Teilhabe am gesellschaftlichen Leben fordern, als Menschenrecht, nicht als Geschenk oder Akt der Fürsorge. „Wenn die Teilhabe von Menschen mit Behinderung verletzt wird, dann werden letztendlich Menschenrechte verletzt.“ So könne es zum Beispiel nicht sein, dass bei einem Rathaus-Aufzug der Denkmalschutz Vorrang habe. „Inklusion fängt klein an“, sagte der Behindertenbeauftragte. Es müsse keine getrennten Kindergärten geben für Kinder mit und ohne Behinderungen.

Eines der größten Probleme sei, dass Menschen ohne Behinderung nicht mit Behinderten umgehen könnten. „Das kann man nur abschaffen, indem man die Menschen zusammenbringt“, so Hüppe. Ein Beispiel dafür lieferte Heike Witsch vom Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter. Sie schult Zug- und Busbegleiter: „Es ist ein ganz anderes Arbeiten miteinander, wenn jeder von dem anderen etwas weiß.“Nebenbei informierte die ÖPNV-Expertin darüber, dass die Aufzüge am Bahnhof ab dem Frühjahr eingebaut werden und Ende des Jahres fertig sein sollen. Auch in Schulen und Arbeitsleben sei bei gutem Willen viel mehr möglich, meinte Hüppe. Doch für „inklusive Bildung“ aller Kinder müssten auch die Rahmenbedingungen stimmen, sagte Tanja Ebbecke vom Verein „Kopf hoch für Körper- und Mehrfachbehinderte“.

Ein Leben mit einem behinderten Kind sei oft ein Kampf, „das muss in der heutigen Zeit nicht sein“. Ganz mochte ihr Hüppe nicht folgen, stellte aber fest: Die Ressourcen seien manchmal falsch verteilt. „Da gibt es so viel aufzubrechen.“ Wichtig ist für ihn auch gemeinsames Wohnen. Barrierefreiheit erfordere viel Aufklärungsarbeit, sagte Architekt Dirk Johannson von der Fachgemeinschaft „Leben ohne Barrieren“. Itzehoe habe zu wenig solchen Wohnraum: „Da ist dringend Handlungsbedarf.“ Das Ergebnis ist Hüppe wichtiger als Der Weg dorthin.

Deshalb möchte er weniger Bürokratie und einen entwirrten „Zuständigkeitsdschungel“. Das sah Eva Gruitrooy von der Brücke SH ganz ähnlich: Die Gesetze böten viele Möglichkeiten. Im Kreis gebe es viele Engagierte und vielWillen zur Zusammenarbeit, sagte die Regionalleiterin. Dafür brauche es einen roten Faden: Sie wünschte sich einen regionalen Aktionsplan für die UN-Konvention. Marita Brunswik plant schon weitere Veranstaltungen. „Fangen wir gemeinsam an, Barrieren, insbesondere die in den Köpfen, abzubauen.“ Hüppe wünscht sich schlicht eine Selbstverständlichkeit in der Gesellschaft – besonders bei den „schwerst Mehrfachnormalen“. Lars Peter Ehrich

Urheberhinweis: sh:z/Norddeutsche Rundschau/Text: Lars Peter Ehrich, Bild (2): Michael Ruff vom 12.01.2011