Nordrhein-Westfalen
(dpa/lnw) - Behinderte werden nach wie vor im Alltag und Berufsleben benachteiligt. Barrierefreie Fahrangebote etwa liegen nach Einschätzung der Vorsitzenden der Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe, Geesken Wörmann, in NRW vielfach in weiter Ferne. «Immer noch müssen wir um einzelne Projekte wie Aufzüge an Bahnhöfen, Rollstuhlgerechte Zugänge oder Leitsysteme für Blinde und Hörgeschädigte kämpfen», sagte Wörmann am Donnerstag in einem dpa- Gespräch in Soest.
Die Vertreterin von 250 000 organisierten Mitgliedern in 120 Behindertenverbänden wird an diesem Freitag (30.10.) im Industriemuseum Oberhausen zusammen mit sechs weiteren ehrenamtlich Engagierten von der Landesbehindertenbeauftragten Angelika Gemkow geehrt.
Trotz des Behindertengleichstellungsgesetzes seien Behinderte auch bei kommunalen Planungen auf Wohlwollen angewiesen und müssten den Bedarf in vielen Einzelfällen anmelden, bemängelte Wörmann: «Die Rechte behinderter Menschen stehen leider allzu häufig immer noch nur auf dem Papier.» In vielen Fällen liege die Umsetzung im Argen.
Dabei profitieren nach Einschätzung Wörmanns auch nicht behinderte Menschen vom barrierefreien Umbau öffentlicher Projekte. «Viele Ältere nutzen beispielsweise gerne die Aufzüge in Bahnhöfen», sagte sie. Auch Familien mit Kinderwagen kommen nach ihrer Einschätzung besser durch die Innenstädte, wenn Pflasterungen Rollstuhl-gerecht sind und Stufen beseitigt werden.
Neben den sichtbaren Barrieren, die sich noch immer an vielen Stellen finden lassen, gebe es auch eine vielzahl unsichtbarer Hürden, sagte die Vorsitzende des Zusammenschlusses von 120 Verbänden. «Untertitel für Hörgeschädigte im Fernsehen werden beispielsweise von den Privatsendern so gut wie ignoriert», sagte Wörmann.
Auch das Internet sei längst nicht barrierefrei. «Selbst städtische Internet-Präsenzen sind in Nordrhein-Westfalen noch immer nicht alle für Blinde zugänglich», sagte sie. Zudem kritisiert Wörmann die häufig zu komplizierte Sprache der Internet-Seiten: «Da haben geistig Behinderte keinen Zugang.» Von einer einfacheren Sprache würden aber auch viele «normale» Internet-Nutzer profitieren.
Den Arbeits- und Ausbildungsmarkt schätzt Wörmann weiterhin als schwierig ein. «Die Arbeitslosenzahlen behinderter Menschen steigen wieder», sagte sie. Die Ursachen dafür, dass Firmen lieber Ausgleichsabgaben zahlen oder Aufträge an Behindertenwerkstätten vergeben, statt selbst behinderten-gerechte Arbeitsplätze zu schaffen, seien vielschichtig. «Das fängt früh an. Wenn jemand in der Schule einen behinderten Klassenkameraden hatte, wird er später als Chef eher Zugang zu dem Thema haben.»
NRW habe in Sachen gemeinsamer Schulausbildung behinderter und nicht-behinderter Kinder noch großen Nachholbedarf. «In NRW besucht durchschnittlich nur jedes zehnte behinderte Kind die Regelschule.
Damit liegen wir im Bundesvergleich ziemlich am Schluss», sagte Wörmann. Sie fordert eine Integration der Förderschulen in die Regelschulen und hofft, dass das NRW-Schulgesetz bald geändert wird.
«Das Gesetz widerspricht der Behindertenrechtskonvention der UN, weil es den Zugang zur Regelschule von der Finanzierbarkeit abhängig macht.»
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