Stuttgart (dpa/bsk-um) - Die Wirtschaftskrise trifft zunehmend auch behinderte Menschen und Gefangene: Die Justizvollzugsanstalten und die sozialen Werkstätten in Behinderteneinrichtungen im Südwesten Deutschlands melden teils deutliche Umsatzrückgänge. Besonders hart trifft es Betriebe, die von der Automobilindustrie abhängen. Dies ergab eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur dpa. Teilweise liegen die Einbrüche bei bis zu 80 Prozent, berichtet Bernhard Lengl, Chef der Landesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten für behinderte Menschen in Stuttgart: «Normale Betriebe müssten da zumachen.»
Behinderte Beschäftigte in einer WfB (Foto: U.Mannsbart)
Lengl leitet auch die Stiftung Haus Lindenhof in SCHWÄBISCH GMÜND (Ostalbkreis). Diese ist mit Angeboten von Autoteilemontage bis zu Krankenkassen-Dienstleistungen breit aufgestellt, hat aber trotzdem Einbrüche zwischen 15 und 60 Prozent zu verzeichnen. Sofort hätten die Kunden versucht, Preise zu drücken, berichtet Lengl. Trotzdem sei die Krise auch eine Chance: «Sie macht Schwachpunkte deutlich und zeigt, wo wir uns neue Arbeitsfelder erschließen müssen.»
Eine staatliche Bürgschaft für soziale Einrichtung fordert Hans-Peter Fritzke, Assistent der Geschäftsführung der Lebenshilfe ULM. Die Aufträge in den Donau-Iller-Werkstätten gingen zurück; daher versuche der Verein, neue Kunden zu finden. «Das ist aber in dieser Zeit sehr schwierig», erklärt Fritzke. In den Ulmer Betrieben bekommen die Behinderten 70 Prozent des Umsatzes ausgezahlt – wegen der Wirtschaftskrise erhalten sie nun weniger Geld.
«Massive Einbrüche» von bis zu 50 Prozent und eine enorm schwankende Auftragslage beklagt auch Reiner Knapp. Er führt die stark auf die Autobranche ausgerichteten «Gemeinnützigen Werkstätten und Wohnstätten» in SINDELFINGEN (Kreis Böblingen). Verlässlich seien derzeit noch Dienstleistungen und ein immer wichtigeres Eigenprodukt: Festzeltgarnituren. 465 Euro bekommen die Behinderten im Monat. Der bundesweite Schnitt liegt laut Knapp bei 156 Euro.
Auch Hans-Christoph Ketelhut, Geschäftsführer der Beschützenden Werkstätte für geistig und körperlich Behinderte in HEILBRONN, spürt «die Krise eindeutig». In den sieben Einrichtungen arbeiten 1200 Behinderte. Sie verzeichnen seit Jahresbeginn Umsatzrückgänge.Prognosen, wie es in nächster Zukunft weitergehe, seien «Kaffeesatzleserei».
Etwas besser sieht es in den Hagsfelder Werkstätten in KARLSRUHE aus. «Wir lagen im ersten Quartal leicht unter dem Umsatz des Vorjahres, im zweiten und dritten dürften wir die Krise erheblich deutlicher merken», sagt Markus Schubert, Geschäftsführer der Werkstätten, die insgesamt 1100 Menschen mit Behinderungen beschäftigen. Viele Unternehmen führen die Aufträge seit kurzem entweder selbst aus oder müssen ihre Standorte ganz schließen.
«Wir haben teils langjährige Firmenkontakte. Das tut denen auch weh», erzählt Schubert. Er beklagt die menschlichen Auswirkungen, wenn bei ihm Jobs wegfallen: «Gerade Menschen mit Behinderungen definieren sich über ihre Arbeit. Das gibt ihnen Struktur.»
Diese Sorge teilt Rainer Mertins, Vertriebsleiter der Landwerkstätten der Diakonie KORK (Ortenaukreis). An drei Standorten arbeiten dort rund 280 Menschen mit Behinderung. Die Werkstätten seien bisher nur am Rande betroffen, aber für die Behinderten seien bei anhaltender Krise weniger die Lohneinbußen, sondern die fehlenden Arbeitsmöglichkeiten ein Problem.
Auch die Gefangenen im Land haben durch die Krise weniger Arbeit - und spüren das auch in ihrem Geldbeutel. In den 25 Werkstätten der JVA BRUCHSAL (Kreis Karlsruhe) arbeiten statt 380 nur noch 350 Menschen, die mit ihrem symbolischen Gehalt von wenigen Euro pro Tag Dinge wie beispielsweise Zigaretten kaufen können. Wenn die Firmen bestimmte Tätigkeiten verlagern, breche in der Werkstatt gleich der ganze Arbeitsplatz weg, sagt der Geschäftsführer der Werkstätten, Steffen Ent. «Das führt zwangsläufig zu einer unruhigen Stimmung.»
Christian Fahrenbach, dpa
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