(dpa-gv/bsk-pr) Die weißhaarige alte Dame in einem Berliner Heim ist ein echter Pflegefall. Bei praktisch allen Verrichtungen des täglichen Lebens ist sie auf Hilfe angewiesen: Das Essen muss ihr mundgerecht serviert werden, aufstehen oder zu Bett gehen gelingt nur mit tatkräftiger Unterstützung, auch An- und Ausziehen klappt nicht mehr allein. Will die knapp 96-Jährige mal an die frische Luft, muss ein guter Geist sie in ihrem Rollstuhl ins Freie schieben. Die Angehörigen kommen meist nur am Wochenende vorbei.
Solche Fälle gibt es viele in deutschen Pflegeheimen. Doch das Personal ist knapp, stöhnt über hohe Arbeitsbelastung und die dünne Personaldecke. Die Pfleger sind meist voll damit beschäftigt, die Bewohner "satt und sauber" zu halten. Zeit, sich um spezielle Wünsche und Bedürfnisse der Alten zu kümmern, bleibt im Heimalltag selten.
Dies soll sich nun mit der jüngsten Pflegereform ändern: Die Beitragssatzerhöhung um einen viertel Prozentpunkt soll den Heimen die Einstellung von 10 000 Pflegehelfern ermöglichen. Für jeweils 25 Demenzkranke sollen sie einen zusätzlichen Helfer einstellen dürfen, auf Kosten der Pflegekassen. In Deutschland leben etwa 1,1 Millionen altersverwirrte Menschen, davon schätzungsweise die Hälfte in Heimen.
Die neuen Pflegeassistenten sollen sich nun persönlich und speziell um die Pflegebedürftigen kümmern: Beim Malen, Basteln, Musizieren, bei Brett- oder Kartenspielen, bei Spaziergängen oder beim Vorlesen aus Büchern oder Zeitungen. All das kann von einer Pflegefachkraft nicht nebenbei geleistet werden.
Geplant ist, dass die Helfer aus dem Heer der Langzeitarbeitslosen rekrutiert werden: Sie sollen schon mal im Pflegebereich tätig gewesen sein, nach Tarif bezahlt werden, nicht als Ein-Euro-Jobber. In einer Art Crashkurs sollen sie 160 Stunden lang geschult werden, 60 Stunden davon in der Alltagspraxis.
Kritiker bemängelten dies prompt als Einstieg in die "Billig- Pflege". Sie übersahen dabei aber zum Beispiel, dass seit Jahrzehnten tausende von Zivildienstleistenden ohne große Spezialschulung im Einsatz in den Heimen waren und sind. Würden sie nur ein halbes Jahr geschult, wäre ihre Dienstzeit fast schon wieder vorbei.
Manche witterten im Plan der Regierung gar den Versuch, die Arbeitslosenstatistik zu bereinigen. Davon wollte der Sprecher des Bundesarbeitsministeriums, Stefan Giffeler, nichts wissen: Er betrachtet den mit der Bundesagentur für Arbeit abgesprochenen Plan als "win-win-Situation", von der Demenzkranke und Arbeitslose gleichermaßen profitierten.
Der Sprecher von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, Klaus Vater, konterte, es handele sich um "ein humanes Anliegen", dass man mit "arbeitsmarktpolitischen Möglichkeiten" verbinde und das "möglichst schnell" wirken solle. Er warnte davor, eine solch "segensreiche Initiative" zu torpedieren.
Kein gutes Haar an dem Plan hatte etwa der Bundesvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt (AWO), Wilhelm Schmidt, gelassen. Seine Kritik:
"Der Wert der Pflege wird so gering eingeschätzt, dass nun Hilfskräfte eingesetzt werden sollen, die nach einem Kurzlehrgang auf die Menschen losgelassen werden sollen".
Ministeriumssprecher Vater dagegen hält es für eine "schreckliche Vorstellung", wenn der erste Pflegeassistent erst in vier Jahren zum Einsatz kommt, nur weil es Streit darüber gibt, ob die Helfer nun 300 oder gar 400 Stunden geschult werden müssten. Das Thema eigne sich auch nicht, "um auf die Langzeitarbeitslosen einzudreschen, die das nicht verdient haben".
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