
(bt-hau/bsk-iwi) Als einen ersten Schritt in die richtige Richtung bewerten Experten die zum 1. Juli 2008 geplante Verdopplung der Renten für Contergangeschädigte. Gleichwohl sei dies nicht ausreichend, um zu einer angemessenen Entschädigung der Opfer zu gelangen, hieß es übereinstimmend bei einer öffentlichen Anhörung des Familienausschusses am Mittwochnachmittag (28.5.08).
Grundlage des Hearings war ein Antrag der Koalitionsfraktionen von CDU/CSU und SPD, sowie ein Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.
Mit der Verdopplung der Entschädigungszahlung werde keine Kostendeckung individueller medizinischer Versorgungen erreicht, sagte Klaus Becker von der Hamburger Landesarbeitsgemeinschaft für behinderte Menschen. Ebenso wenig würden dadurch Rentenlücken bei Frühverrentung gedeckt. Altersarmut sei bei vielen Conterganopfern daher vorprogrammiert, so Becker. Seiner Ansicht nach müsse die Contergan-Herstellerfirma Grünenthal aufgrund ihrer "faktischen und moralischen Schuld" stärker in die Entschädigungslösung eingebunden werden. Die angekündigte Einmalzahlung von 50 Millionen Euro in die Conterganstiftung sei nicht ausreichend.
Udo Herterich vom Interessenverband Contergangeschädigter Nordrhein-Westfalen verwies auf die deutlich höheren Entschädigungsleistungen in anderen Ländern. So würden in Großbritannien Renten von bis zu 3.400 Euro gezahlt. In dieser Größenordnung bewegten sich auch die Forderungen der deutschen Betroffenenverbände, sagte Herterich.
Auf die erheblichen gesundheitlichen Spätfolgen wies der Orthopäde Jürgen Graf hin. Wer ohne Arme geboren sei und sämtliche Tätigkeiten mit den Füßen erledigen müsse, überlaste zwangsläufig seine Hüftgelenke, wie auch die Wirbelsäule. Die Folgen stellten sich vielfach zwischen dem 40. und dem 50. Lebensjahr ein und führten zu dauerhaften Schmerzen.
Auch der Altersforscher Professor Andreas Kruse von der Universität Heidelberg stellte klar, dass die chronischen Schmerzen bei Contergangeschädigten im höheren Lebensalter eine typische Folge schwerster Arthrosen seien. Dies habe weniger mit dem Alter zu tun, als mit den Einschränkungen, die diese Menschen von Anfang an gehabt hätten. Kruse forderte, die soziale Teilhabe der Opfer zu gewährleisten. Die Gesellschaft müsse Rahmenbedingungen für ein menschenwürdiges Leben schaffen.
Gernot Stracke vom Hilfswerk für Contergangeschädigte Hamburg dankte dem Westdeutschen Rundfunk für die Ausstrahlung des Spielfilms "Eine einzige Tablette" im vergangenen Herbst, mit dem der Conterganskandal und damit auch das Leid der Opfer in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses gerückt worden seien. "Auch diese Anhörung hätte es ohne diesen Film nicht gegeben", so Stracke. Die Verdopplung der Entschädigungszahlungen sei selbstverständlich zu begrüßen, sagte Stracke. Sie zeige jedoch auch, dass die Entschädigungen jahrelang nicht ausreichend gewesen seien.
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