20.01.2008 (www.mainpost.de/bsk-cr) Eine Schulstunde der ganz anderen Art erlebten die Schülerinnen und Schüler der 10. Klasse der Berufsfachschule für Sozialpflege an der Heinrich-Thein-Schule am Mittwoch. Bei den jungen Leuten, die den Beruf des Sozialbetreuers erlernen, stand „barrierefreies Wohnen" auf dem Lehrplan.
Ihre Lehrerin Marie-Hortense Müller hatte es den Schülerinnen und Schülern ermöglicht, anstelle theoretischen Unterrichts einen praktischen Anschauungsunterricht in einem barrierefreien Wohnhaus der Baugenossenschaft zu erleben. Oskar Böhm, Mitglied des Vorstandes, stellte zunächst die Baugenossenschaft Haßfurt eG vor und erteilte damit den Schülern schon mal etwas sozialkundlichen Unterricht.
Die Genossenschaft besteht in Haßfurt bereits seit 94 Jahren, hat 670 Mitglieder, 329 Wohnungen in 64 Mietshäusern und mehr als 20 000 Quadratmetern Wohnfläche. Böhm informierte aber auch, dass es Genossenschaften in Großstädten mit über 30 000 Mitgliedern und in den neuen Bundesländern sogar mit 80 000 Mitgliedern gibt.
2004 hatte die Baugenossenschaft ein Mietshaus „Im Himmelreich" mit vielen Mängeln abgerissen und dafür mit Zuschüssen der Regierung ein Haus mit acht Wohneinheiten gebaut, das Modellcharakter für behindertengerechtes Wohnen hat. Die Jugendlichen erfuhren, dass es mit der DIN 18025 hier sogar eine Norm gibt, die viele detaillierte Vorgaben macht. Zudem, so Böhm, habe der Architekt auch auf Kleinigkeiten geachtet, die Menschen mit Behinderung einschließlich schwacher Sehleistung angenehmes Wohnen ermöglichen.
Als Nichtbehinderter kann man sich kaum vorstellen, dass zum Beispiel Klingeln zu hoch angebracht sind, dass einem Rollstuhlfahrer der normale Spion in der Haustür überhaupt nichts nützt und dass Waschmaschinen auf einem Sockel beim Befüllen eine enorme Erleichterung bedeuten. All diese Dinge bekamen die Schüler nicht nur erklärt, sondern demonstriert.
Als Höhepunkt öffnete eine Bewohnerin ihre Tür. Martina Bassing, die auf den Rollstuhl angewiesen ist, lebt eigenständig mit ihrem Mann in der Wohnung und stand den Schülern Rede und Antwort. Damit bereicherte sie das aktuelle Unterrichtsthema „die eigenständige Lebensführung von Menschen zu unterstützen".
Übrigens, Etikette hatten die Schüler bei dem Besuch auch gezeigt. Sie sahen, dass sich ein Mensch sehr über einen unverhofft überreichten Blumenstrauß freut, den sie als Dank für die geöffnete Wohnungstür mitgebracht hatten. Ein besonderes Dankeschön gab es auch für Oskar Böhm, der mit seinen praxisbezogenen Ausführungen den Schülern in der Stunde sicherlich mehr gelehrt hatte als so manches Schulbuch.
An der Berufsfachschule für Sozialpflege können Schüler in einer zweijährigen Ausbildung den Beruf eines Sozialbetreuers erlernen. Nach dieser Ausbildung sind sie qualifiziert, als Zweitkraft, insbesondere in der Alten- und Behindertenhilfe, zu arbeiten. Vor allem spielen in der Ausbildung Pflege und Betreuung, Lebenszeit- und Lebensraumgestaltung und eine hauswirtschaftliche Versorgung eine große Rolle. Bereits nach den ersten Monaten in der Fachschule gehen die Schüler regelmäßig einen Tag pro Woche ins Praktikum.
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