Jugendarbeit an der Basis - Beispiel BSK-Bereich SK Bonn e.V.

Schulprojekte: Der BSK-Bereich Bonn leistet Aufklärungsarbeit an Schulen

Planungsphase: Warum Schulprojekte?

Die Kinder und Jugendlichen von heute sind die Architekten der Gesellschaft und Lebensumwelt von morgen. Solange die gemeinsame Beschulung von behinderten und nichtbehinderten Kindern noch die Ausnahme darstellt und zumeist im Bewusstsein das Bild von behinderten Menschen überwiegend aus dem familiären Umfeld, z.B. anhand der mobilitätseingeschränkten alten Tante geprägt wird, kann sich kein Einstellungswandel vollziehen. Aus diesem Grund führt die Selbsthilfe Körperbehinderter Bonn e.V. Informationsveranstaltungen an Schulen und in anderen Bereichen der Kinder- und Jugendarbeit durch. Zudem gehen Kinder und Jugendliche erfahrungsgemäß wesentlich offener, wissbegieriger und toleranter auf andere Menschen zu.

Zielsetzungen

Durch die Begegnung von behinderten Menschen und nichtbehinderten Schüler/innen und Lehrern gilt es auch Wertehaltungen zu vermitteln. Hierzu gehört unter anderem die authentische Beantwortung von Fragen der Schüler/innen zu allen Bereichen des Lebens mit Behinderung.

Die Vorbereitungsphase: Die Kontaktanbahnung

Bislang ist die Initiative zu solchen Schulprojekten von Lehrerinnen ausgegangen, die sich mit einer entsprechenden Bitte an uns gewandt haben. Diesem Wunsch sind wir gerne nachgekommen. Zukünftig wäre es überlegenswert verstärkt eigeninitiativ zu werden, allerdings sind hier aufgrund des zeitlichen und organisatorischen Aufwands Grenzen gesetzt.

Gesetzliche Rahmenbedingungen in NRW

In Nordrhein-Westfalen ist der Themenschwerpunkt "Behinderung" kein offizieller Bestandteil des Lehrplans der verschiedenen Schulformen. Dies heißt: wird diese Thematik von Schulen oder Lehrern aufgegriffen, so ist es eher ein persönliches Anliegen. Seitens der Schulen werden wir in zwei verschiedenen Formen in ihr freiwilliges Leistungsangebot aufgenommen. Eine Form ist unser Mitwirken in einer thematischen Projektgruppe innerhalb der mittlerweile weit verbreiteten Schulprojektwochen und eine andere im Rahmen von Besinnungstagen einzelner Klassen innerhalb des Fächerkanons Philosophie-Ethik-Religion im Schultag.

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Das Vorgespräch

In einem umfassenden Vorgespräch werden der gegenseitige gedankliche Hintergrund, die jeweiligen Konzeptionsvorstellungen, Zielvorstellungen und Durchführungsmöglichkeiten unter Zugrundelegung der zeitlichen, räumlichen und organisatorischen Rahmenvoraussetzungen abgeklärt. Für uns ist wichtig zu wissen: Wie ist das schulische Umfeld und zu berücksichtigende Besonderheiten der Schule, die Zusammensetzung der Gruppe (Alter, Geschlecht, Besonderheiten), räumliche und örtliche Gegebenheiten (barrierefreier Zugang, Platz, Sitzordnung) sowie die zeitlichen Rahmenbedingungen (freie Zeitverfügung oder Einbindung in Schulstunden). Darüber hinaus ist wichtig, ob der Einbezug der örtlichen Presse (öffentlichkeitswirksame Maßnahme für den Verein und die Schule!) möglich ist. Für die Lehrkräfte ist wichtig zu wissen: Gibt es Vorbereitungsmaterialien, was wird wie und warum gemacht, welche Erfahrungen wurden bisher gemacht und wer übernimmt welche Aufgaben?

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Vorbereitende Tätigkeiten: Zeitliche Koordination

Eine sorgfältige und umfassende Vorbereitung erspart manche unangenehme Überraschung vor Ort und ist die grundlegende Voraussetzung zum Gelingen der Projekte. Hierzu gehört auch die innere Bereitschaft sich unerwarteten, komplexen und zum Teil sehr persönlichen Fragen zu stellen, die die Schüler/innen an einen richten können. Nimmt man die Fragen der Schüler/innen wirklich ernst, so gibt es stets auch Fragen, die man offen stehen lassen muss, anstatt sie mit vorschnellen Antworten abzuwerten - denn oftmals sind es gerade diese "Knackpunkte", die durch ihren Tiefgang am Stärksten nachklingen. Außerdem gehört zur Vorbereitung die Bereitstellung von Infomaterial, Beschaffung von Leihrollstühlen und Information der örtlichen Presse.

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Die Durchführungsphase

Je nach Absprachen mit der Lehrperson führen wir die Begegnung und den Dialog mit den Schülern durch, jedoch nicht nach einem starren "Ablaufplan", sondern in einem für Variationen offenen "Spielraum". Unsere Aufgabe besteht darin durch unsere persönliche Ausstrahlung diesen vertrauensvollen Begegnungsraum zu schaffen und unsere Gestaltungsmöglichkeiten effektiv und effizient einzusetzen. Doch genug der grauen Theorie, wie gestaltet es sich praktisch?

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Die Anfangsphase: Die Vorstellungsrunde

In einer möglichst humorvollen Art - gibt es doch keinen besseren "Eisbrecher" als ein herzliches Gelächter- stellen wir uns und das Arbeitsgebiet der Selbsthilfe Körperbehinderter Bonn e. V. kurz vor. Oft ist hier auch schon eine günstige Gelegenheit das mitgebrachte Infomaterial zu verteilen. Wir tauchen zumeist als Trio auf:

Wolfgang Siebert, Jahrgang 1941, 1. Vorsitzender und in verschieden anderen Bereichen ehrenamtlich engagiert, E-Rolli-Fahrer; Christina Gutknecht, Jahrgang 1969, Aktiv-Rolli-Fahrerin und der jeweilige Zivildienstleistende des Vereins, der eine verbindende Funktion aufgrund seiner größeren Altersnähe und seinem Erfahrungsraum zu den Schüler/innen besitzt, und fünf bis zehn leere Rollstühle. Diese Zusammensetzung ist zwar mehr oder weniger zufällig entstanden, hat aber eine ganze Reihe von Vorteilen. Wir ergänzen uns gut und vertreten unter biografischen Aspekten recht unterschiedliche Lebensstationen und -entwürfe. Schon auf den ersten Blick und nach den ersten Worten wird den Schülern deutlich: Man kann nicht von "dem Behinderten" an sich sprechen, behinderte Menschen sind individuelle Menschen und Persönlichkeiten wie du und ich!

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Die Annäherung

Wir ermuntern die Schüler/innen dazu, uns mit Angabe ihres Vornamens zu befragen und betonen hierbei, dass es unsererseits keine Tabubereiche oder -themen gibt. Das Motto: Es gibt keine dummen oder falschen Fragen, höchstens solche Antworten und dafür sind ja dann wohl wir verantwortlich(?!) hilft zwar schon über manche Schüchternheit hinweg, aber meistens ist die fehlende Traute doch noch etwas größer als die Wissbegier. Doch wer hat denn gesagt, dass nur die Schüler/innen Fragen stellen? Die Gegenfrage ist der nächste Schritt zur Ermutigung. Wer schon mal was gesagt hat, dem fällt es leichter eine Frage anzuschließen. Geeignete Fragen sind erfahrungsgemäß: Habt ihr schon Erfahrungen mit behinderten Menschen gemacht? Wie war das? Wenn wir uns alle gegenseitig betrachten, wie viel behinderte Menschen befinden sich dann in diesem Raum (z.B. Brillenträger)? Häufiger Aha-Effekt: Es gibt ja unterschiedliche Behinderungsarten - nach welchen Kriterien kann man eigentlich festlegen, ob ein Mensch von einer Behinderung betroffen ist?!

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Die Hauptphase: Gespräch und Aktivität

Ein munterer Dialog, das hin und her von Fragen und Antworten ist das Kennzeichen dieser Phase. Die Schüler/innen sind "aufgetaut" und trauen sich an die unterschiedlichsten Fragestellungen heran. Das Spannende ist jedes Mal in welchem Maß der Gesprächsverlauf durch die einzelnen Fragesteller/innen und insbesondere ihre persönliche Art der Fragestellung unterschiedliche Entwicklungen nimmt. Medizinische, soziale, schulische, berufliche, bauliche, rechtliche, politische, geschichtliche, ethische Fragenschwerpunkte aber auch die verschiedensten persönlichen Fragen wechseln sich ab. Natürlich kann kein Gebiet umfassend besprochen werden, aber es werden viele "Blitzlichter" gesetzt, Ansätze zur inneren Weiterentwicklung - auf diese Wirkungsmechanismen und Langzeitwirkungen setzen wir. Wir wollen uns nicht als passive und bedauernswerte Opfer aller möglicher außerhalb unseres eigenen Einflussbereichs liegender Umstände darstellen, sondern zeigen: an diesem Punkt sind wir selbstbewusst aktiv und an vielen anderen Stellen ist einfach gegenseitiges Mitdenken und die Selbstinitiative jedes einzelnen gefragt - unabhängig vom Lebensalter. Qualifizierte und fundierte Kenntnisse der Gesprächsführung sind auch in diesem Bereich sinnvoll.

Außer uns selbst haben wir noch leere Rollstühle mitgebracht. Natürlich sind sie nicht als Dekorationselemente gedacht, sondern für den Einsatz vorgesehen. In jedem Fall unerlässlich ist zunächst die Bitte um pflegliche Behandlung, Leihgegenstände sollte man schon im gleichen Zustand wieder dem Leihgeber zurückbringen können... sonst kommt man spätestens beim nächsten Projekt nicht mehr an Leihrollis ran! Auch die Erklärungen ihrer Funktionsweise, schließlich sind Rollstühle Fortbewegungsmittel und keine bloßen Sitzmöbel, lässt sich locker gestalten. Schließlich sind Rollstühle ja auch für viele sportlichen Aktivitäten einsetzbar, das macht das ganze noch anschaulicher.

Die Aufteilung in eine konzentrierte Gesprächsphase und eine Aktivitätsphase bietet sich an, wenn eine Exkursion in der näheren Umgebung der Schule geplant ist. Dies gilt es unbedingt im Vorfeld abzuklären, da schulrechtliche (Aufsichtspflicht) und versicherungstechnische Aspekte zu beachten sind. Natürlich kommt es während der Exkursion auch zu Einzelgesprächen, aber die übliche Bürgersteigbreite und der Geräuschpegel des Straßenverkehrs lassen höchstens kurze Anweisungen an die Gesamtgruppe zu. Im Mittelpunkt dieser Aktion steht die bewusste "Er-Fahrung" des schulischen Umfelds: Straßen, hohe Bürgersteige, Stufen und Treppen, unerreichbare Klingeln, die Tücken in Geschäften (Drehkreuze, unerreichbare Regale, zu enge Gänge, zu schmale Kassen.). Eindrücklicher als jede noch so lebhafte Schilderung macht das eigene Erleben auf jeden Fall die baulichen und teilweise sogar die inneren Barrieren deutlich. Und spielerisch lässt sich schon mal üben: Wie biete ich Hilfe an? Wie fordere ich Hilfe ein? Wo könnte Hilfe von Nutzen sein? Ist keine Exkursion eingeplant so sollte auf die Eigenaktivität trotzdem nicht verzichtet werden. Hier bietet sich die Chance je nach Gruppenatmosphäre individuell reagieren zu können: entweder eine klare Trennung zwischen Gesprächsphase und Aktivitätsphase oder mehrere kurze Intervalle von Gesprächs- und Aktivitätsphasen. Normalerweise ist in jeder Schule die Möglichkeit vorhanden, einen Raum zu erhalten, in dem man einen kleinen Hindernisparcours mit den Rollis durchführen kann.

Unabhängig von der methodischen Entscheidung ist das eigenständige Ausprobieren der Rollstühle das Highlight solcher Projekte für die Schüler/innen und bringt einen hohen "Spaßfaktor" in die Schule. Dieser soll selbstverständlich auch seine Wirkung entfalten dürfen, doch sollte hierüber, auch bei den Schüler/innen, nicht der eigentliche Zweck in Vergessenheit geraten. Dies gelingt, wenn Übungen wie die möglichst schnelle Bewältigung einer Slalomstrecke, die Überwindung einer Stufe, möglichst Platz sparende Drehung, Anfahren einer kleinen Schräge und ähnliches eingebaut werden. Zugleich bietet sich hier reichlich Zeit und Raum um Hinweise für richtige Hilfestellung beim Überwinden einer Stufe (Bürgersteig, Hauseingang, Bus- und Bahneinstieg), einer Treppe, Bodenunebenheiten, Schieben und Kippen eines Rollstuhls mit "Insasse" an die Schüler/innen weiterzugeben. Gerade diese Phase vergeht den meisten Schüler/innen viel zu schnell.

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Der Abschiedskreis

Eine abschließende Gesprächsphase von zehn bis zwanzig Minuten soll die wichtige Vertiefungsfunktion leisten. Die eigenen "Er-Fahrungen" mit den Rollstühlen sollten nicht einfach so im Raum stehen bleiben. Es ist sinnvoll, sie in einen geistigen Bezugsrahmen einerseits zu den vermittelten Erlebnissen und Beispielen aus der Gesprächsphase zurückzuführen und andererseits die neu gewonnenen Einsichten oder Fragestellungen hierin einzubinden. Die Aufmunterung der Schüler/innen zu aktivem Engagement für eine grundsätzlich für alle Menschen humane und tolerante Umwelt in Verbindung mit guten Wünsche für ihre Zukunft ist nicht nur eine höfliche Geste, sondern ist zugleich eine Ermutigung an die Schüler/innen selbstbewusst, aktiv und handlungskompetent ihre eigene individuelle und persönliche Entwicklung und Zukunft zu gestalten und hierbei auch die Bedürfnisse anderer Mitmenschen wahrzunehmen und zu unterstützen.

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Die Nachbereitungs- und Evaluationsphase

Die Nachbereitung rundet ein sorgfältig und umfassend durchgeführtes Projekt ab. Der abschließende Reflexionsprozess bildet die Grundlage für die kritische Einordnung in das Gesamtkonzept der Vereinsarbeit, seiner öffentlichen Präsentation und ist die Vorraussetzung einer zielgerichteten Erfolgskontrolle sowie einen zukunftgerichteten Optimierungsprozess. Die zusätzlich investierte Zeit ist nicht überflüssig eingesetzt, sondern erspart für ein erneutes Projekt Zeit, die dann zielgerichteter und effizienter eingesetzt werden kann.

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Kritische Selbstkontrolle

Eine kritische Selbsteinschätzung ist die Ausgangsbasis für die erfolgreiche Optimierung der Arbeitsabläufe. Eine Checkliste kann dies erleichtern: Was war gut, kam gut an, was war nicht so gut, kam nicht an?

Gab es Phasen / Stellen, die bei mir oder anderen Unbehagen hervorgerufen haben, wo war die Aufwands-Erfolgs-Bilanz ausgeglichen oder unausgeglichen? Wie war die Aufmerksamkeitsverteilung: gleichmäßig oder unterbrochen? An welchen Punkten lässt sich der Vorbereitungsprozess und Durchführungsprozess ohne Qualitätsverluste straffen?

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Rückmeldungen von Lehrer/innen

Auch die Rückmeldungen durch die Lehrer/innen bieten die Chance zu Überprüfung der einzelnen Arbeits- und Durchführungsphasen. Falls über die spontane Reaktion hinaus nochmals nach einer längeren Zeit Rückmeldungen gekommen sind waren sie erfreulicherweise positiv und mit der Bitte um Wiederholung verbunden. Insbesondere erhalten wir wertvolle methodisch-didaktische Hinweise und können unsererseits ein besseres und bedürfnisorientiertes Informationsangebot für die Lehrer/innen und Schüler/innen entwickeln. Die Lehrer/innen betonten übereinstimmend dass die angestrebte "Langzeitwirkung" erreicht wird.

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Fazit

Wie viele Menschen erreicht man eigentlich mit Schulprojekten? Die Antwort: "Klar, eine Klasse!" ist zu kurz gegriffen. Sowohl die Lehrpersonen als auch die Schüler/innen haben eine wichtige Funktion als Mediatoren, dies heißt, das man davon ausgehen kann, dass in der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis über die Begegnung gesprochen wird, da sie aus dem gewohnten Schullalltag herausfällt. Bei einer Klassenstärke von etwa 28 Schüler/innen und zuzüglich zwei bis drei Lehrkräften, kann man davon ausgehen, dass unsere Informationen einen direkten und indirekten Adressatenkreis von ungefähr 150 Menschen erreichen - und zwar auf eine eindrücklichere und wirksamere Art als jeder Zeitungsartikel es könnte! Dennoch beziehen wir stets gerne die örtliche Presse mit ein, da hierdurch noch ein größerer Kreis auf die Arbeit und Zielsetzungen der Selbsthilfe Körperbehinderter Bonn e. V. aufmerksam gemacht werden kann.

Christina Gutknecht - Leitung Schulprojekte der Selbsthilfe Körperbehinderter Bonn e. V

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