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Ein Bericht über das
am Ende des Studiums ausgerichtet vom Deutschen Studentenwerk
Immer wieder wird man als behinderter Mensch auf seine Behinderung und den Umgang mit ihr angesprochen. Folgerichtig aktiviert die Auseinandersetzung mit einem bevorstehenden Bewerbungsverfahren gerade auch Fragestellungen hinsichtlich dieses Aspekts: Wie gehe ich beim Bewerbungsverfahren mit meiner Behinderung um? Und wie werden potentielle Arbeitgeber hierauf reagieren? Glücklich können sich jene schätzen, die von der Studienberatung, vom Arbeitsamt, von Bekannten oder durch Verbandsorgane auf die Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung des Deutschen Studentenwerkes oder die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) aufmerksam gemacht werden. Spätestens hier erfährt man von dem speziell auf die Problematik gesundheitlich beeinträchtigter Studenten zugeschnittenen Seminar- und Beratungsangeboten.
Das Anschreiben des Deutschen Studentenwerkes (DSW) enthält neben Informationen zum Seminar, fiktiven Stellenanzeigen, einem Deckblatt für das selbst zu gestaltende fiktive Bewerbungsschreiben und ein paar Fragebögen zu Persönlichkeitskriterien auch einen Leitfaden zur beruflichen Situationsanalyse und einen Kurz-Check der fachlichen Kriterien. Als Voraussetzung zur Teilnahme am Seminar wird die termingerechte Rücksendung einer fiktiven Bewerbung erwartet. Die Begründung, dass nur so praxisnah auf individuelle Fragen und Probleme eingegangen werden könne, leuchtet ein.
Zunächst ist die Wahl zwischen einer der vorgegebenen Stellenanzeigen oder einer real existierende Anzeige zu treffen. Erste Erkenntnis: der wirkliche Traumjob ist weder hier noch dort zu finden. Zweite Erkenntnis: eigentlich müßte man Super(wo)man heißen, um die gestellten Erwartungen zu erfüllen. Dritte Erkenntnis: auf umfassende Informationen über Arbeitgeber und Arbeitsstelle darf man, nur aufgrund der Anzeige, nicht hoffen. Davon abgesehen: Wie verfasst man überhaupt eine schriftliche Bewerbung? Der Weg zur Bücherei erweist sich als erfolgreich. Erstaunlich, wie viele Ratgeber es zu diesem Thema gibt. Trotz mancher Hilfestellung erweist es sich als schwierig in ein paar Zeilen den bisherigen Lebensweg und die eigenen beruflichen Vorstellungen zu komprimieren. Im Ernstfall ist der Leser schließlich der Personalchef, der über Wohl oder Wehe der Bewerbung zu entscheiden hat. Für das Spezialproblem Behinderung bzw. chronische Erkrankung findet sich kein Hinweis. Muß es überhaupt erwähnt werden oder benachteiligt man sich selbst durch diese Informationen? Wie und wo bringe ich diesen Punkt am geschicktesten unter?
Nach der Anreise informiert uns Frau Jonas vom Deutschen Studentenwerk über Zeitplan und Ablauf des Seminars. Sie bittet alle Seminarteilnehmer um ein paar Worte zur eigenen Person und den Erwartungen, die man an das Seminar richtet. Als offensichtlicher Vorteil wird die Vielzahl der vertretenen unterschiedlichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Teilnehmer deutlich: einerseits deuten sich gemeinsame Fragestellungen und andererseits differente Problemlagen an.
Nach uns stellt sich das Leitungsteam vor. Frau Jonas von der Beratungsstelle für behinderte und chronisch kranke Studierende des Deutschen Studentenwerks zeichnet sich verantwortlich für die Gesamtorganisation des Seminars. Herr Hiedl arbeitet als Studienberater an der Universität Essen und ist selbst Rollstuhlfahrer. Herr Schwarzbach ist Leiter des Vermittlungsteams für schwerbehinderte Fach- und Führungskräfte der Zentralen Arbeitsvermittlungsstelle (ZAV) in Bonn. Frau Strunz, ebenfalls von der ZAV, nutzt das Seminar als Einstieg in ihr neues Arbeitsgebiet, die Vermittlung von schwerbehinderten Geisteswissenschaftlern. Sie alle unterstreichen, wie hoch sie es einschätzen, dass wir diesen Weg gewählt haben. Allein hierdurch würden wir schon den Beweis antreten, erfolgreich Hürden überwinden zu können, sei es doch trotz aller erfreulichen Fortschritte und vielseitiger Bemühungen immer noch eine zusätzliche Belastung ein Studium mit einer Behinderung oder einer chronischen Erkrankung erfolgreich durchzustehen und zu beenden. Dies beweise leider die Zahl behinderter Akademiker von nur 0,5 Prozent ; ein vergleichsweise völlig unterproportionaler Anteil unter den Akademikern im Verhältnis zu dem achtprozentigen Bevölkerungsanteil, der als schwerbehindert gilt!
Herr Hiedl trägt das erste Referat zum Thema "Bewerbungsschreiben in Theorie und Praxis" vor. Aufgrund seiner beruflichen Werdegangs kennt er die verschiedenen Blickwinkel und Interessen der am Bewerbungsverfahren Beteiligten: Bewerber und Arbeitgeber. Er hat sich einen fundierten Überblick darüber erworben, wodurch sich eine gute Bewerbung von einer weniger gelungenen Bewerbung unterscheidet. Während seiner Erläuterung drängt sich der Begriff "Bewerbungsmarathon" auf: Der Weg zu dem erhofften Arbeitsplatz ist lang, verlangt Durchhaltevermögen und Einsatzbereitschaft und trotz eigenem Bemühen auch ein Quäntchen Glück. Ein zeitlicher Vorlauf von etwa drei Monaten solle eingeplant werden. Zunächst ist abzuklären, wie und wo man sich selbst und das erworbene Wissen am Besten einbringen kann - eine Grundvoraussetzung für die passende Arbeitsstelle. Parallel hierzu sind sinnvollerweise allgemeine Informationen, Auskünfte und Erkundigungen über generelle Arbeitsmöglichkeiten einzuholen. So sollte man sich mehrere Ansatzwege eröffnen: Arbeitsamt, Studienberatungsstellen, Stellenanzeigen in Fach- und Tageszeitungen, sowie informelle Kontakte zu Bekannten, Lehrern und Studienkollegen sind unerlässliche und immer wieder erfolgreiche Ausgangspunkte.
Auch heute kann man nicht davon ausgehen, dass man das dringend gesuchte Sahnehäubchen für den Kuchen eines Arbeitgebers ist. Dies heißt, daß man mehrere schriftliche Bewerbungen erstellen müsse, jeweils individuell auf die einzelnen Arbeitgeber abgestimmt. Wie eine schriftliche Arbeit im Studium sollte sie einer Reihe formaler und inhaltlicher Kriterien erfüllen. Herr Hiedl erläutert diese Kriterien und verdeutlicht ihre Wirkungsweise. Soweit es in diesem Rahmen möglich ist, wird der uns alle brennend interessierende Themenpunkt "Bewerbung und Behinderung" angesprochen. Quintessenz: Bei einer Bewerbung ist eine Behinderung oder chronische Erkrankung ein zusätzlicher Aspekt neben den fachlichen und persönlichen Qualitäten - nicht mehr, aber auch nicht weniger. Als Maßstab für die Platzierung dieses Aspekts innerhalb der schriftlichen Bewerbung sei von der möglichen Auswirkung auf die Arbeitsstelle auszugehen, die sich durch die gesundheitliche Beeinträchtigung ergibt. Diese plausibel und konkret darzustellen, ist für den potentiellen Arbeitgeber informativer als die bloße Angabe der Diagnose oder eines abstrakten Grades der Behinderung. Zudem fällt die Diagnose unter das Persönlichkeitsrecht, das heißt, dass sie normalerweise eine der "unerlaubten Fragen" innerhalb eines Bewerbungsverfahrens ist und deshalb nicht beantwortet zu werden braucht. Bei einigen Berufsfeldern gibt es hierzu allerdings Sonderregelungen. Hierüber sollte man sich im Vorfeld informieren. Nach einer kurzen Pause beginnen die Einzelgespräche. Wie im Informationsmaterial angekündigt, werden anhand der eingesandten Bewerbungsmappe konkrete und individuelle Fragen und Probleme aufgegriffen und abgeklärt. Formale und inhaltliche Fragestellungen, gut gelungene und weniger gelungene Textstellen werden sorgfältig analysiert.
Herr Schwarzbach von der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) stellt uns zunächst Zusammensetzung, Aufgaben-gebiet und Arbeitsweise des Vermittlungsteams für schwerbehinderte Fach- und Führungskräfte vor. Auch hier wird wieder deutlich: gesundheitlich beeinträchtigte Studienabsolventen können nicht auf eine für alle gleichermaßen übertragbare Musterlösung hoffen. Für den einzelnen muss eine individuelle Lösung gefunden werden. Da nur 0,5 Prozent aller Studienabsolventen eines Jahrgangs in irgendeiner Art und Weise von einer Behinderung betroffen sind, kann diese komplexe Aufgabe nicht vom örtlichen Arbeitsamt geleistet werden. Deshalb ist die ZAV seit 1954 überörtlich unter anderem für diesen Aufgabenbereich zuständig.
Neben der Information, Beratung und Vermittlung von schwerbehinderten Studienabsolventen und interessierten Arbeit-gebern führt die ZAV einen intensiven Dialog mit der Wirtschaft, Länder- und Bundesbehörden, Institutionen und Verbänden. Herr Schwarzbach verweist darauf, dass eine für alle Beteiligten gleichermaßen befriedigende Vermittlung und das hochmotivierte Arbeitsverhalten des schwerbehinderten Arbeitnehmers erfahrungsgemäß mehr überzeugen, als die aufwändigste Werbeaktion. Individuell und unbürokratisch bemühe sich das ZAV-Team um den "Einzelfall". Neben der Informationsarbeit sind sie zugleich die Anlaufstelle zur Erschließung finanzieller Fördermöglichkeiten sowie zur Einrichtung eines angemessenen behindertengerecht gestalteten Arbeitsplatzes. Mit seinem Referat gibt er uns einen Überblick und informiert mit Hilfe von anschaulichen Fallbeispielen über praktikable und finanzielle Förderungsmöglichkeiten.
Gesetzliche Änderungen bilden einen weiteren Schwerpunkt des Referats. Sie werden in ihrer Bedeutung für die Situation arbeitssuchender, schwerbehinderter Akademiker hinterfragt und erläutert. Herr Schwarzbach macht deutlich, daß das Team trotz hohem Engagements nicht den Traumjob zu Traumbedingungen herbeizaubern kann, aber er betont, dass alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden, die es gibt. Trotz aller Einsatzbereitschaft sei auch hier Durchhaltevermögen gefragt. Zwar sei es eine große Erleichterung, das volle Hilfsinstrumentarium in einer Hand zu haben, aber trotzdem müsse man sich auf einen langen Weg zum festen Arbeitsverhältnis einrichten.
Nun beginnen die von Frau Jonas und Herrn Hiedl durchgeführten Bewerbungssimulationen. Parallel hierzu stehen Frau Strunz und Herr Schwarzbach im Nebenraum für Einzelgespräche zur Verfügung. Viele Teilnehmer nehmen diese Chance wahr, um sich über noch bestehende oder mittlerweile neu hinzugekommene Fragen informieren und ihre individuelle Situation beraten zu lassen. Sowohl die Bewerbungssimulationen als auch das Einzelgesprächsangebot der ZAV beanspruchen den restlichen Tag. Jeder Teilnehmer hat die Wahl "Zuschauer" für sein "Bewerbungsgespräch" zuzulassen oder auch nicht. Vorbehaltlos wird die Entscheidung des einzelnen Teilnehmers von der Gruppe respektiert.
Die Referenten loben die tolle Gruppenatmosphäre und die erkennbar für einander entwickelte Wertschätzung. Dass wir es untereinander genauso empfunden haben, wird wiederholt bestätigt. Immer wieder wird betont, wie gut aufgehoben man sich untereinander gefühlt habe. Jeder konnte soviel von sich preisgeben, wie er wollte und konnte. Als besonders gewinnbringend wird das breite Spektrum der verschiedenen vertretenen Behinderungsarten und Erkrankungen bezeichnet. Der eigene Erfahrungshorizont wird durch den Erfahrungsaustausch erweitert und erste Eindrücke über die verschiedenen Problemlagen und Möglichkeiten werden eröffnet.
Alle Erwartungen und Hoffnungen an das Seminar sind mehr als erfüllt worden. Viele Teilnehmer haben einen Weg zur Lösung ihrer individuellen Ausgangslage entdecken können. Einige haben sogar konkrete Ziele vor Augen; dies ist weit mehr als im Vorfeld vom Seminar erhofft oder gar erwartet wurde.
Christina Gutknecht
Informationsadressen:
Deutsches Studentenwerk Bonn
Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung
Weberstraße 55
53113 Bonn
Tel.: 0228 2690658
Zentralstelle für Arbeitsvermittlung
Vermittlungsstelle für schwerbehinderte Fach- und Führungskräfte
Villemombler Straße 76
53123 Bonn
Tel.: 0228 713-0
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